Oh … mon dieu


„Oh…“
Philippe DjiaN
  • Verlag: Diogenes
  • Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
  • Taschenbuch
  • 240 Seiten
  • erschienen am 18. Januar 2017
  • 978-3-257-24372-7
  • € (D) 12.00 / sFr 16.00* / € (A) 12.40
»Oh …«, sagt Michèle nur, nachdem sie in ihrem Haus bei Paris überfallen wurde. Ausgerechnet sie, die knallharte Filmproduzentin, die immer genau weiß, was zu tun ist, verliert jeden Halt. Ein Buch über die beklemmende Hinwendung einer Frau zu einem gefährlichen Mann.
Michèle versucht es mit Fassung zu tragen. Ein vermummter Mann hat sie in ihrem Haus etwas außerhalb von Paris überfallen. Sie redet sich ein, Verdrängen sei das beste Mittel, um darüber hinwegzukommen. Also stürzt sie sich mehr denn je in ihre Arbeit als Filmproduzentin. Auch diverse familiäre Probleme halten sie auf Trab: Ihrem Sohn soll ein Kuckuckskind angedreht werden, ihre Mutter droht einem Erbschleicher und ihr Exmann einer Zwanzigjährigen auf den Leim zu gehen. An allen Ecken und Enden scheint Michèles Hilfe gefragt – doch wer hilft ihr? Vielleicht der junge Banker, der sie umwirbt? Wird sie in seinen Armen die erlittene Untat vergessen können?

MEINE REZENSION

Oh.. mon dieu. Ich ahnte es. Ich habe mir nicht zuviel erhofft von diesem Roman. Ich sah ihn, las die Leseprobe und wußte, dass ich ihn haben musste. Und: völlig zu recht!

Das Cover – typisch Diogenes: cremefarben mit der unverkennbaren Schrift, hier der Titel vor einem zerknitterten und wieder glattgestrichenen, orangen Blatt Papier.

„Oh…“ ist mein erster Roman von Monsieur Philippe Djian. Ich versuche,  mich möglichst unvoreingenommen einem neuen Autor und dessen Werk hinzugeben. Es gelang mir. Denn absichtlich informiere ich mich vor der Lektüre nicht zu ausführlich über den Titel oder den Autor. Das Cover, die Leseprobe – wenn es passt, dann darf es bei mir einziehen. Vielen Dank an dieser Stelle an die liebevolle Betreuung durch Susanne Bühler bei Diogenes und die prompte Übersendung eines Rezensionsexemplars.

Doch zum Roman selbst. Ein herbes Buch. Keine leichte Kost. Michèle Leblanc geht durch viele Höllen und versucht verzweifelt, sich treu zu bleiben, sich nicht zu verlieren. Wie kann das gehen? Mit ihrer Vergangenheit, die immer leicht verschleiert bleibt, dem väterlichen Monster und der Hassliebe zu Irène, ihrer Mutter. Und mit den vielfältigen Problemen, die all die Menschen in ihrer Nähe haben und sie darin permanent verwickeln.  Ich fragte mich oft während der 240 Seiten wie ein Mann aus der Sicht einer Frau in der Ich-Form so schreiben kann? Kann er das wirklich? Ein Geburtserlebnis kann durchaus traumatisch sein – doch dem eigenen Fleisch und Blut diesen Start immer wieder vorzuhalten und gleichzeitig voller Liebe für ihn zu sein?
Das „Oh…“ des Romantitels zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung und taucht in den unmöglichsten Situationen auf. Vielleicht war ich auch einfach sensibilisiert für dieses kleine Nicht-Wort. So beginnt es und damit wird es enden.

Josie bleibt ein Phänomen, skurril, aber mit starken Nerven. Anna – die treue Seele an Michèles Seite im Verlag und beste Freundin in ihrem Leben. Beide tief verbunden seit dem Tag der Entbindung ihres Sohnes Vincent vor fünfundzwanzig Jahren. Und dennoch verrät sie ihre beste Freundin. Marty – der Kater – wird zur zentralen tragischen Figur …

Um Himmels willen, warum eigentlich beginnen so viele Namen mit R? Richard, Robert, Ralf neben Patrick und Vincent. Da heißt es: aufgepasst und mitgedacht. Auch eine Frau mit R gibt es – Rebecca auf dem Jakobsweg. Dennoch bleibt die Zahl der Protagnisten übersichtlich und jeder bekommt ausreichend Raum zur Entfaltung – immer im Zentrum des Geschehens: Michèle. Alle kreisen um sie, wie Planeten um ihre Sonne.

Ab der Hälfte des Romans konnte ich nicht mehr aufhören. Leider gab es keine Kapitel, so las ich ohne Unterlass. Ich musste erfahren, warum sich diese Frau diesem Mann zuwendet, wie die Geschichte ausgehen würde. Das Ende überraschte. Wow.

Die Story wurde im vergangenen Jahr von Paul Verhoeven unter dem Titel „Elle“ und mit Isabelle Huppert in der Rolle der Michèle verfilmt. Darin scheint der Fokus jedoch ein anderer – mehr Thriller als Entwicklungsroman einer Frau. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Verfilmung schauen möchte. Irgendwann vielleicht.

„Oh…“ ist sowohl von der Handlung als auch von der Sprache kraftvoll, anders und absolut zu empfehlen – von mir fünf Sterne.

Kostprobe gefällig? Bitteschön:

 „Nicht um alles in der Welt hätte ich es noch mal durchmachen wollen. Ich hätte mit den Bauch aufgeschlitzt, um meinen Qualen ein Ende zu setzen.“ S.12

„Der Mond scheint über den Garten, sein Licht ergießt sich über die Blätter wie eisiges Blut.“ S.31

„Du dumme Schlampe. Du hast doch keine Ahnung!“ S.38

„… ich durchbohre sie in vollem Flug, hier rein, da raus, ich spieße sie brutal auf meine Schneiderschere.“ S.139

Von mir

5/5

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