Verglüht?

„So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt“
– Debütroman von MAIKE VOß

Debüt von Maike Voß

Viola und Leon sind beste Freunde – bis sie nach einem gemeinsamen Konzertbesuch die Nacht miteinander verbringen. Für Leon ist dies die Erfüllung all dessen, was er sich heimlich ersehnt hat. Doch Viola packt die Panik, dass sie wie früher wieder nur auf jemanden hereingefallen sein könnte. Am Morgen verlässt sie deshalb ohne Nachricht Leons Wohnung. Doch Leon kann und will Violas Verschwinden nicht so einfach hinnehmen und versucht herauszufinden, warum sie vor ihm wegläuft. (Klappentext) #sexwiththebest

MEINE REZENSION

Diesen Roman entdeckte ich neulich auf der Leipziger Buchmesse am bold-Stand des dtv-Verlages und lernte zugleich die junge, sympathische Autorin persönlich in einem zwanglosen Gespräch im Tresen des Verlags kennen. Nun – nach der Lektüre – knapp drei Wochen später kann und möchte ich deutlich sagen: „Chapeau, Frau Voß, für ein gelungenes, sehr bewegendes Debüt.“

Zwei junge Menschen, Viola und Leon, driften wie zwei Magneten, deren Polung permanent wechselt, aufeinander zu, nur um sich Sekundenbruch-teile später wieder abzustoßen. Immer gerade dann, wenn einer der Beiden den Kurs hält, auf den anderen zugeht, ihn auffangen, festhalten will, wendet sich der andere – zumeist wortlos – ab.

Der Autorin gelang es, mir das Gefühl zu vermitteln, in die Köpfe der Protagonisten einzudringen, auch die letzten Winkel ihrer Gedanken zu erforschen. Das ist zugegebenermaßen nicht einfach – nicht einfach zu lesen und noch weniger einfach zu ertragen. Brüllen, schreien, toben wollte ich und ihnen zurufen: „Verdammt nochmal, redet miteinander! Reden!“. Reden ist der Schlüssel, den sie suchen und erst sehr spät finden. Schweigen ist nicht so golden, wie es zu glänzen scheint – und gleich gar nicht in Beziehungen, egal ob freundschaftlicher oder liebender Art.

Können diese beiden blutjungen Menschen schon wissen, dass und ob er/sied der/die einzige wahre, große Liebe ihres Lebens ist? Ich maße mir sicher nicht an, das in Frage zu stellen, zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Rückblickend auf die eigene Jugend hat wohl jede/r seine Meinung diesbezüglich. Wichtig für diesen Roman ist jedoch der Augenblick und die Erlebnisse, die Viola und Leon zu den Personen machten, die sie nun sind und als die sie durchs Leben gehen. In ihrem Alter schweben sie noch in diesem Zustand – entweder schwarz oder weiß. Dazwischen existiert wenig in ihrer zarten Gefühlswelt. Was nicht gut ist, ist böse und wird sich nicht ändern. Was ich nicht bin, werde ich auch nie sein. Ich bin ich und habe es nicht anders verdient. Änderungen ausgeschlossen. Fertig. Punkt. Ende. Ausweglosigkeit.

Diese Botschaft fand ich beängstigend. Natürlich hoffte ich fortwährend während der Lektüre mal dieses, mal jenes, mal für Vio, mal für Leon. Es ist eine harte Erkenntnis für Heranwachsende, dass es nicht alle Menschen gut mit ihnen meinen, dass die Welt grausam sein kann und ist, dass einem das Herz herausgerissen werden kann, gerade zumeist von jenen, von denen wir es am wenigsten erwarten. Doch kann ich deshalb hergehen und salopp sagen – hey, that’s life? Nein, kann ich nicht. Es ist nicht die Welt, die grausam ist. Sie dreht sich einfach weiter und weiter. Es sind die Menschen, die zutiefst enttäuschen können. Das müssen auch Viola und Leon erfahren. Beide sind noch nicht so stark, um daraus Kraft und Mut zu schöpfen, vielleicht auch, um gestärkt daraus hervorzugehen. Die Hoffnungslosigkeit von Vio, die sich auf das reduziert, was war, was andere in ihr sehen mögen, hat mich sehr mitgenommen. Wieviel ist passiert oder eben auch nicht passiert, dass sich zwei Menschen so früh zerbrochen fühlen, unfähig sich den Dämonen des Lebens zu stellen?

Zwei meiner drei wunderbaren Kinder sind im Alter der Protagonisten und zweifeln auch bisweilen an der Welt. Aber sie sind stark, sind nicht allein, sie haben uns an ihrer Seite.

FAZIT: Leider fehlte es mir in der Story an Zuversicht und wenigstens einem vorsichtigem Optimismus… Dennoch ist dieser Debüt-Roman von Maike Voß ob seiner immer währenden Aktualität und Brisanz zwar keine leichte Kost, aber absolut empfehlenswert.