Tatsächlich grüner?

Ruth Jones
ALLES BEGEHREN

  • Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
  • Verlag: HarperCollins
  • Auflage: 1 (2. Mai 2018)
  • ISBN-10: 3959672020
  • ISBN-13: 978-3959672023
  • Originaltitel: Never Greener

Jeder kennt diesen einen Moment, der die Weichen neu stellt und alles verändert. Und wenn man das Leben zurückspulen könnte wie eine VHS-Kassette, dann würde man auf diesen Moment spulen – um sich anders zu entscheiden.
1985: Callum ist ein glücklich verheirateter Familienvater. Die Studentin Kate ist bildschön und gewohnt, sich das zu nehmen, was sie braucht. Sie begegnen sich – und begehren einander mit solch einer Macht, dass es ihrer beider Leben beinahe zerstört. Aber nur beinahe.
Siebzehn Jahre später treffen sie sich wieder. Das Leben hat auf den Moment der Entscheidung zurückgespult. Sie können noch einmal wählen. Doch das Leben verfolgt einen eigenen Plan.

MEINE REZENSION

Was für ein Titel! Absolut passend. Denn hier begehren mehrere Personen tatsächlich alles, gehen dafür zum Teil durch die Hölle und zum Teil über emotionale Leichen. Doch ist das Gras der anderen tatsächlich grüner?

Das war eine Lektüre, die sich gelohnt hat. So richtig, meine ich. Ständig kreisten die eigenen Gedanken um das, was man/frau hat und das, was man/frau sich vermeintlich wünscht oder meint, es sich zu wünschen oder es sich gar wünschen zu müssen. Klingt schräg? Ist es auch.

Mal ehrlich, wie viel Egoismus ist sich selbst und anderen zumutbar? Verletze ich andere mit meinen Wünschen, meinem Begehren? Jede/r möchte lieben und geliebt werden. Doch was, wenn A B liebt, B aber C, der/die mit D verheiratet ist. Wer bleibt am Ende auf der Strecke? Die Ehen? Die Kinder? Die Freunde? Alle? Gibt es Gewinner oder nur Verlierer? Da ist es wieder, das grünere Gras…

Dieser Roman hat von allem etwas. Ruhm, Reichtum, Bodenständigkeit, Familie, Freundschaften, Süchte, Verluste, Verzweiflung, Vertrauen, Wut und eben ganz viel Liebe. Damit ist die Geschichte um Kate und Callum nicht zuletzt auch eine ständige Werte-Diskussion. Ich bewertete die Entscheidungen und Entwicklungen der Beiden und ihrer Lieben um sie herum nicht, sondern ich beobachtete. Ich sah mit an, wie eine winzige Entscheidung eine emotionale Kettenreaktion auslösen kann. Ich sah, was auf dem Spiel steht. Doch ich sah auch die Kämpfe, die Herz und Kopf miteinander ausfochten. Und ich sah die Kollateralschäden dieser Kämpfe. Als Mutter und Ehefrau gelang es mir mühelos, den Gedanken und Gefühlen der drei Frauen im Roman zu folgen, die da wären:

  • zu allererst natürlich Kate, die erfolgreiche Schauspielerin und Mutter einer kleinen Tochter, mit ihrem Hang zu Liebe, Sex, Drogen, Alkohol und Selbstzerstörung
  • dann ist da Belinda, die bodenständige, dreifache Mutter, für die die Familie an erster Stelle steht und die an die ewige Liebe und Treue glaubt
  • und nicht zuletzt Hetty, die ewig verliebt-verträumte beste Freundin, immer hilfsbereit ergeben, ein Fels in tosender Brandung, die jedoch an ihren eigenen Ansprüchen an die eine große Liebe zu zerbrechen droht

Daneben hätten wir noch die beiden wichtigsten Herren der Schöpfung oder besser des Romans, Matthew – genannt Matt – Fenton und Callum McGregor, Galerist aus London und Rugby-spielender Lehrer Edinburgh. Und damit hätten wir nebenbei auch gleich die Schauplätze abgehakt.

Zu Beginn des Romans fielen mir die Zeitsprünge noch etwas schwer, im Laufe der Lektüre gewöhnte ich mich jedoch an die Rückblicke. Sie machen einen großen Zauber der Story aus. Man/frau kann die Protagonisten lieben oder hassen, ganz wie man mag, aber eines muss ich gestehen, sie bleiben sich immer treu, ihre Handlungen sind nachvollziehbar, ohne dabei vorhersehbar zu sein.

Ja, vielleicht war es diese Prise Überraschung, die diesen Roman für mich zu etwas Besonderem gemacht hat. Vielleicht war es auch die Vielschichtigkeit der Story, ohne überfrachtet wie ein Eintopf zu wirken. Das hier ist eher wie Fish & Chips – klar und deutlich und bisweilen schwer auf der Seele liegend – nicht im Magen.

Das Cover gefällt mir. Es ist minimalistisch. Eine bunte Schwalbe? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer? Hmm, die Metapher durchschaue ich noch nicht so ganz. Vielleicht symbolisiert sie auch die Flüchtigkeit des Augenblicks oder die Flatterhaftigkeit der Gefühle…

Hier zum Vergleich das Cover der englischen Ausgabe. Ich mag das deutsche Cover mehr – Geschmackssache, wie immer. Der Titel des Originals „Never greener“ passt ebenso wie die deutsche Übersetzung. Zunächst dachte ich, dass der englische Titel zu viel vorweg nähme, denn „Niemals grüner“ schien per se eine Negierung des Gedankens, das Gras könne auf der anderen Seite des Zauns tatsächlich grüner sein. Doch der Titel ist eingebettet in einen Vor- und Nachsatz, der den Konflikt deutlich macht:

Sometimes we wonder what might have been … NEVER GREENER … sometimes we get to find out

„Manchmal fragen wir uns, was hätte sein können… manchmal finden wir es heraus“

Dennoch bietet „Alles begehren“ als Titel nach meiner Ansicht mehr Interpretationsspielraum – was begehren? wen begehren? alles begehren? dürfen, wollen, Konsequenzen…

Kurzum – ein Roman ganz nach meinem Geschmack.