Von Wahrheiten und Lügen

Benedict Wells
„Die Wahrheit über das Lügen“
  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Diogenes;
  • Auflage: 1 (29. August 2018)

Es geht um alles oder nichts in diesen Geschichten. Sie handeln vom Unglück, frei zu sein, und von einer Frau, die vor eine existenzielle Entscheidung gestellt wird. Von einem Ort, an dem keiner freiwillig ist und der dennoch zur Heimat wird. Von einem erfolglosen Drehbuchautor der Gegenwart, der in das New Hollywood des Jahres 1973 katapultiert wird und nun vier Jahre Zeit hat, die berühmteste Filmidee des 20. Jahrhunderts zu stehlen. Und nicht zuletzt eine Erzählung aus dem Universum von ›Vom Ende der Einsamkeit‹, die Licht auf ein dunkles Familiengeheimnis wirft. Zehn höchst unterschiedliche Geschichten aus einer Welt, in der Lügen, Träume und Wahrheit ineinanderfließen. Mal berührend, mal komisch, überraschend und oft unvergesslich.

MEINE REZENSION

Ich habe nicht viele Erzählbände in meinem Portfolio. Doch da ich Benedict Wells als Autor sehr schätze, war ich natürlich neugierig auf sein neuestes Werk. Würde er mich mit seiner Sammlung von Geschichten aus 10 Jahren ebenso begeistern können wie mit „Vom Ende der Einsamkeit“? Was hat es mit dieser einen Story auf sich, die auf seinen letzten Roman Bezug nimmt? Worum geht es in den anderen Erzählungen?

Nun, ich habe es gelesen und mir währenddessen Notizen zu jeder einzelnen Geschichte gemacht. Denn wie anders sollte ich diesen Erzählband rezensieren als auf jede der Story einzugehen. Fangen wir an:

1) Die Wanderung (2018)

Offenbar eine der neuesten Geschichten aus der Feder des jungen Autors. Es geht um Henry M. Eine verwirrende Story um den Berg als Leben. Henry, der Erfolgreiche, ist beim Aufstieg – und er MUSS einfach an diesem Tag bis zum Gipfel und WILL pünktlich zur Geburtstagsfeier des Sohnes zurück sein – voller Elan und verpasst dabei dennoch so viele Chancen, wie beispielsweise das Gespräch mit seiner Tochter Mia. Als Henry aufbricht hat sein Sohn David Migräne, zieht sich zurück. Als Henry zurückkehrt ist sein Leben offenbar vorbei. Einigen Lesern mag die Geschichte esoterisch und phantastisch anmuten. Für mich war sie Inbegriff für das Leben, das Henry geführt hatte mit der Frau an seiner Seite, die alles ertrug, seine Einsamkeit, seine Affären und am Ende auf ihn wartet.
Der Rückweg und Bergabstieg ist gekennzeichnet von Schmerzen, Ängsten und Erschöpfung. Stehen diese imaginären Wander-Erfahrungen des Protagonisten für den fortgeschrittenen Lebensabend, für Verdrängung, gar Demenz? In der Summe ist diese Wanderung das Porträt des Lebens des Henry M.

Der allererste Satz des Buches und damit auch dieser Geschichte ließ mich aufseufzen, so schön finde ich ihn:

„Es war einer dieser späten Sommertage – der Himmel blau und in zarten, milchigen Dunst gehüllt-, die einen übermütig werden lasen und das Gefühl von Zeitlosigkeit geben, als wäre der nasse Herbst noch weit entfernt.“ S.13

An einem ebensolchem Tag verfasse ich diese Zeilen – wie passend…

2) Das Grundschulheim (2015)

In dieser Story erfahre ich den Alltag, das Leben der Kinder in einem Grundschulheim. Vielleicht handelt es sich dabei um das Kinderheim, das die drei Waisen aus dem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ besuchten? Es ist eine kurze Geschichte. Und obwohl sie einfühlsam geschrieben ist, entdecke ich in ihr wenig Emotionen, fast mutet sie wie eine Beschreibung, ein Bericht an.

3) Die Muse (2010)

Erzählung Nummer drei hat mir wieder besser gefallen – vielleicht ob ihrer Mystik? Die Thematik in einem Satz: Es geht um die Zerrissenheit des Künstlers im Allgemeinen und seine Entscheidungen für das Leben und gegen die Kunst oder für die Kunst und damit gegen das Leben, sogar gegen die Liebe. Wo bleibt dabei das persönliche Glück? Auf der Strecke? Und wann ist ein Künstler glücklich?

„Sie hatte ein fast körperliches Verlangen danach, die letzten Seiten zu tippen und endlich schwarz auf weiß zu sehen, was sie wortlos und bunt längst fühlte; ein Hunger, der nur mit geschriebenen Wörtern gestillt werden konnte. S. 60

4) Ping Pong (2008)

Ein frühes Werk aus Ben Wells Feder.
Ein Experiment? Einer der zwei Protagonisten, Terrence, scheitert, zerbricht daran. Der andere, ICH-Erzähler, lebt nach diesen Monaten in einer für ihn fremden Welt weiter.
Tischtennis ist nun so gar nicht meins. Aber es ist schließlich nur eine Metapher. Was mit zwei, sich völlig fremden, Menschen in der Abgeschiedenheit einer kargen Zelle passiert, wird hier psychologisch seziert.

„Sie wand sich immer tiefer in unser Gemüt und war der Grund all unseres Tuns, als stünden wie auf einer heißen Herdplatte und müssten uns fortwährend bewegen.“ S.74

5) Richard (2017)

Eine einsame alte Frau sitzt auf einer Parkbank – dabei hat sie: Hähnchenbrust vom Markt. Ben Wells spielt in dieser Erzählung mit dem Leser. Erwähnt wird „Richard“. Doch wer ist dieser Richard? Ihr Mann? Erst nach und nach erfahre ich die Lebensumstände der Frau, die sie ungefragt Passanten, ihren Sitznachbarn erzählt. Die Einsamkeit der Frau zwischen den Zeilen, hinter ihren Worten, drohte mich zu erdrücken.

6) Die Nacht der Bücher(2016)

Diese Geschichte hat ein süsses Intro zu ihrem Background – nämlich den Hinweis des Bezuges auf eines meiner literarischen Highlights der letzten Jahre: „Vom Ende der Einsamkeit“.
Nachtwache zu Weihnachten in einer Bibliothek? Für Bibliophile ein Traum. Doch dieser Mann liest nicht einmal?! So so, und Mister Hemingway hält sich nicht an die Spielregeln? Ich konnte sie alle vor mir sehen, im sanften Mondlicht – die angestaubten Klassiker und die jungen Wilden… eine explosive Mischung. Gern wäre ich dabei gewesen.

„Er war achtundfünfzig Jahre alt und hatte an Heiligabend nichts Besseres zu tun, als Nachtwache in einer Bibliothek zu halten. Dabei las er noch nicht einmal gern!“ S.103

7) Franchise oder die Wahrheit über das Lügen (2016)

Komme ich nun zu der Erzählung, die dem Band den Titel gab.
Was wäre wenn? Ein verwirrendes Spiel und Wahrheit und Fiktion, Wunsch und Illusion, um eine Zeitreise in der Filmbranche. Sicherlich brillant recherchiert, doch für mich als absolute Star-Wars-Nichtkennerin teilweise schwer verständlich. Ich kenne keinen einzigen Film um Luke Skywalker, sondern nur die Klischees, die sich um die Story ranken und natürlich einen der berühmtesten Sätze der Fantasy-Filmgeschichte „Ich bin dein Vater“. Eine interessante Idee – spannend geschrieben, wenn auch nicht ganz so meins.

8) Die Fliege (2017)

Ein sechsbeiniges Tierchen im Überlebenskampf als Metapher für eine Frau, die ihren Weg erkennt, dafür kämpft und dabei gegen ihren Mann unterzugehen droht. Wäre da nicht diese winzige Fliege in ihrem Limonaden-Glas gewesen … Tolle Story.

9) Die Entstehung der Angst

Merci für diesen Einblick hinter die Kulissen von „Am Ende der Einsamkeit.
Jules verstorbene Eltern blieben mir während der damaligen Lektüre fremd, irgendwie diffus. Doch es störte mich nicht. Denn so wie im Vorwort zur Erzählung vom Autor zurecht darauf hingewiesen, bilden sie im Roman nur den Rahmen beziehungsweise das Intro oder eben einen dünnen roten Faden und sollten daher auch gar nicht im Zentrum des Geschehens stehen. Dennoch ist es faszinierend zu erfahren, was es mit Stéphane und Eric auf sich hatte und welche Story hier im Verborgenen lauerte.
Danke also fürs Teilen, Monsieur Wells.

10) Hunderttausend (2014)

Eine Geschichte um eine Vater-Sohn-Beziehung, die zeitlebens schwierig zu sein scheint und um Vergebung.
Einfach mal selbst lesen.