Ver(w)irrungen

Töte mich
Amélie Nothomb
  • Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (23. August 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257069898
  • ISBN-13: 978-3257069891
  • Originaltitel: Le crime du comte Neville
  • Aus dem Französischen von Brigitte Große
Die 17-jährige Tochter des Grafen Neville gibt Anlass zur Sorge. Eines Nachts läuft sie von zu Hause davon und wird im Wald halberfroren von einer Wahrsagerin aufgefunden. Als der Vater das Mädchen abholt, pro­phezeit ihm die Hellseherin, er werde demnächst einen Menschen töten. Die Tochter macht sich diese Weissagung zunutze. Sie versucht den Vater davon zu überzeugen, dass sie das perfekte Opfer ist. Ein Märchen voller böser Vorzeichen und doch mit einem Happy End.
MEINE REZENSION

Verrückt. Aber nach zwei Wochen Urlaub in einem Château im französischen Rhône-Tal – im schönen Savoie, war diese Lektüre einfach perfekt. Besser geht’s nicht. Noch besser wäre eigentlich nur gewesen, es dort vor Ort zu genießen… Nun ja. Vielleicht im nächsten Sommer.

Meine Überschrift zur Rezension lautet bewußt Ver(w)irrungen und meint damit beides: Verwirrungen resp. Verirrungen… Doch dazu später.

Im Hause Diogenes erschien am 23.08.2017 ein weiterer Roman aus der Feder von Madame Nothomb, den mir der Verlag freundlicherweise zur Rezension übersandte. Merci. Nach „Blaubart“ und „Kosmetik des Bösen“ ist es nun schon das dritte Werk der Autorin, das ich innerhalb kurzer Zeit konsumierte. Ich war gespannt. Würde sie mich wieder überraschen können? In welche Abgründe der menschlichen Psyche würde ich diesmal schauen?

Zum Cover ist nicht viel zu sagen – typisch Diogenes eben. Diesmal sehen wir eine junge Frau, elegant gekleidet, deren Outfit mit dem Hintergrund zu verschmelzen scheint, denn ihr Kleid ist vom selben Muster wie die Tapete… Möchte sie gar unsichtbar sein? Ist sie es vielleicht sogar auf eine bestimmte Art und Weise? Wer ist sie? Ist es Sérieuse – sorry, aber was für ein unfassbar passender Name ist das denn bitte?! – die Tochter des Grafen Henri Neville? Sie spielt die zweite Hauptrolle und begibt sich freiwillig in die Opferrolle. Verwirrungen vorprogrammiert.

Das Cover der Originalversion „Le crime du Comte Neville“ – die eigentliche Übersetzung würde „Das Verbrechen des Grafen Neville“ lauten – ist hingegen so ganz anders. Wenn ich mich nicht irre, ist es die Autorin selbst, die darauf aus der Tür des Schlosses schaut. Kurzum – ich mag das Diogenes-Cover mehr.

Henri Neville ist die eigentliche Hauptperson. Als belgischer Graf, Ehemann und Vater von drei – fast erwachsenen – Kindern, droht ihm und seiner Familie der Verlust des Anwesens. Damit soll es ihnen nicht anders ergehen als auch den Nothomb’s (?) mit ihrem Schloss ‚Le Pont d’Oye‘ oder den Kettinis mit ‚Merlemont’…

Womit verdient er noch gleich sein Geld? Das tut eigentlich nichts zur Sache. Und seine Frau? Ist eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Interessant ist noch ein Freund – Anwalt, meine ich – den Henri allgemein um Auskunft fragt, denn Henri hat ein Problem. Ein großes sogar. Das führt zu vielerlei Verwirrungen und Verirrungen des Geistes und der Gedanken. Der Leser erfährt einiges aus Henri’s Kindheit, über den Tod seiner Schwester, den Vater – einem grandiosen Partyausrichter. Von ihm hat er sein Handwerk gelernt. Es steht das beliebte, bekannte, geschätzte letzte Fest im Oktober vor der Tür… Auf eben jenem Fest soll jemand durch ihn zu Tode kommen. Das bringt Henri fast um den Verstand. Warum ausgerechnet seine jüngste Tochter das Opferlamm spielen will – von sich aus, bleibt ein wenig im Verborgenen. Bis zu ihrem 12. Lebensjahr war Sérieuse ein aufgewecktes, kleines Wunderkind:

„Ausserdem hing sie zärtlich an ihrer Familie, umschmeichelte ihre Eltern und ihre Schwester, neckte ihren Bruder auf eine bezaubernd schelmische Weise…“ S.32

Dann änderte sich alles. Mir scheint das Mädchen durch ein Erlebnis depressiv, verschlossen, mit einer Sehnsucht nach Erlösung. Offenbar ist etwas vorgefallen, dass ihr den Lebensmut und alle Freude raubte. Was immer es war, ich habe eine Vermutung, die ich hier jedoch nicht verbreiten werde.

Eine Wahrsagerin bringt Henris Welt ins Wanken, als sie im weissagt, er würde jemanden töten. Jetzt kommt Amélie Nothomb’s fantastische Schreibe zum Zuge. Die inneren Monologe sowie tatsächlichen Dialoge sind intensiv, bisweilen verstörend, manchmal verzweifelt, ab und an sogar leicht und fröhlich. Wie auch immer, sie reißen mich als Leser mit in den Strudel der allgemeinen Verwirrung. Ist Sérieuse dem Untergang durch ihres Vaters Hand geweiht? Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Wie wird dieses letzte Fest auf dem Schloss der Nevilles am Ende verlaufen? Spannung ist garantiert. Der kleine Roman aus der Feder dieser begabten Belgierin liest sich wie ein perfekt temperierter Rotwein am Kamin oder auf dem Schlosshof mit Blick auf die Berge, den See, einen Fluss …

Ich bin wieder einmal mehr begeistert von der Vielfalt der Themen, die die Autorin in ihren Werken verarbeitet. Ihr Stil ist dabei unverkennbar: MONO- und DIALOGE.
Die Sprache ist herrlich, die Anzahl der Protagonisten stark reduziert, der Spannungsbogen beachtlich und das Ende absolut unerwartet. Wie immer taucht der Leser ein in die tiefsten Gedanken und Gefühle der Darsteller, wird Teil der Handlung, ist mittendrin statt nur dabei.

„Jetzt mussten es Emotionen sein… dieses lächerliche und prätentiöse Wort.“ S.8

„Ich bettete mich mit einem Kopfkissen aus Laub auf das Moos und hörte die Rehe trappeln…“ S.14

„… wurde Neville das unbeschreibliche Glück eines Choreographen zuteil, der sein Ballett betrachtet… entzückt darüber, dass ihm gelungen ist, Schönheit zu schaffen, wo sonst die Spezies in ihrer ursprünglichen Rohheit gefangen bleibt.“ S.43

„Wer nichts empfindet, kann für nichts begeistern.“ S.71

Von mir fünf von fünf Sternen für eine wunderbare Lektüre.

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