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Hässlich

Attentat
Amélie Nothomb
  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Diogenes
  • Originaltitel: Attentat
  • Aus dem Französischen von Wolfgang Krege

Kann Intelligenz so betörend und verführerisch sein wie physische Schönheit? Epiphane möchte es seiner Angebeteten beweisen.

MEINE REZENSION

Nach Nothomb ist vor Nothomb  – offenbar ist es bei mir so momentan. Nach ihrem eben bei Diogenes auf Deutsch erschienenen Roman “Töte mich“, “Kosmetik des Bösen” aus 2001 und “Blaubart” aus 2012, las ich in dieser Woche nun “Attentat”, eines ihrer früheren Werke – erschienen bereits 1997, vor zwanzig Jahren also. Übersetzt wurde das “Attentat” nicht wie ihre späteren Romane von Brigitte Große, sondern von Wolfgang Krege. Zu den Unterschieden komme ich später…

Zunächst zum Cover… Impressionistisch angehaucht, ist darauf das Porträt einer Frau zu sehen…gewöhnungsbedürftig und wieder ganz anders als das Original, auf dem ein Schädel mit gezeichneten Stierhörnern abgebildet ist – Sinnbild für den Roman. Das kühle, nüchterne OP-grün mutet mehr nach Thriller an als das Diogenes-Cover, das mir auch dieses Mal besser gefällt.

Die Lektüre fiel mir nicht so leicht. Warum? Dieses frühere Werk der Autorin trägt zwar deutliche Züge ihres inzwischen sehr viel feineren Stils. Doch dieser Roman ist eben auch noch anders – vielleicht liegt es auch an der Übersetzung? Er ist wilder, ungestümer, gewalttätiger, wie ein ungeschliffener Diamant voller Potential und Kraft. Es gibt keine Kapitel – da musste ich durch. Es war anstrengend und kräftezehrend, sich auf Epiphane Otos einzulassen. Als Leser schwankte ich zwischen Mitleid, Verständnis und Abscheu. Sympathie war nicht dabei.

Die Schöne und das Biest. Quasimodo und Esmeralda.

Die Schöne/Esmeralda ist in diesem Fall die bildhübsche Schauspielerin Ethel, das Ziel Epiphanes obsessiver Liebe. Schönheit & Hässlichkeit sind hier die zentralen Themen. Liegen sie im tatsächlich nur Auge des Betrachters? Sind die Menschen wirklich blind für das Wesentliche? Können sie mit dem Herzen sehen à la Antoine de Saint-Exupéry? Die Welt des Films und der Mode wird von Nothomb gnadenlos seziert. Epiphane infiltriert mit seinem abstoßenden Äußeren diese Welt von innen. Er wird zum Star, weil er die Nacht, der Mond ist, die den Tag, die Sonne heller scheinen lässt… und er schleicht sich in Ethels Leben, wird zum besten Freund.

Ich suche nach einer Gemeinsamkeit aller bisher gelesenen Werke der Autorin. Gibt es auch hier ein Opfer? Und wenn ja, wer wird es sein? Epiphane? Ethel? Xavier? Der Roman hat Längen, die mich teils ermüdeten, teils in den Wahnsinn trieben, da mir nicht klar werden wollte, wohin die Reise gehen soll. Ellenlange Beschreibungen des Nichts der Weite Sibiriens, Japans Bergwelt, der Wärme/Kälte eines Hotelzimmers… so ausführlich gibt es das in den neueren Stories nicht mehr. Die sind fokussierter, subtiler, differenzierter. Es war eine überaus interessante Erfahrung für mich, vier Romane einer Autorin aus ganz unterschiedlichen Schaffensphasen und dabei nicht chronologisch zu lesen, sondern von 2012 über 2001 und 2015 zurück zu 1997. Und das nicht nur, weil es 1997 noch Faxe statt SMS/WhatsApp/Mail gab … Sprachlich ist auch dieser wie gehabt, brillant:

Baudelaire schreibt in seinen Tagebüchern: “Die einzige und höchste Wollust der Liebe liegt in der Gewissheit, Böses zu tun.” S.16

“Wie soll man diesem überfütterten Publikum die Keuschheit des Blicks wiedergeben?” S.62

“Regne auf mich herab, und du wirst sehen, wie ich erblühe!” S.85

“… bis es, von der grausamen Parze der Trennungen zerschnitten, ins Meer fiel, ein schreckliches Wrackteil des Herzens.” S.143

Auf meinem SuB liegen noch weitere Bücher der Madame Nothomb. Mal sehen, ob die noch warten müssen und ich eine Pause brauche. Bei diesem Roman schwanke zwischen 3 und 4 Sternen von 5 möglichen. Mein Bauch entscheidet sich für drei Sterne von Herzen.

Published inKolumneRezensionen
et Claire