Licht & Schatten in Paris

Der Himmel über Paris
BrEgje Hofstede
  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (21. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3406683436
  • ISBN-13: 978-3406683435
  • Originaltitel: De hemel boven Parijs

„Der Himmel über Paris“ erzählt davon, wie wir uns selbst belügen, damit wir nicht das tun, wonach wir uns am meisten sehnen – und wie wir es dann vielleicht doch tun.
Das gut eingerichtete Leben von Olivier, Professor für Kunstgeschichte an der Sorbonne in Paris, gerät ins Wanken, als sein Chef ihn bittet, sich um die Austauschstudentin Sofie zu kümmern. Die junge Niederländerin ruft bei Olivier kostbare Erinnerungen an seine große Liebe zu Mathilde wach, die er eigentlich hatte vergessen wollen. Obwohl sein Verstand ihn warnt, macht er einen Annäherungsversuch und rät der Studentin zu etwas, wozu er selbst nie den Mut gehabt hat. Sofie ringt mit einer schwierigen Wahl: nach dem Größten zu streben und daran zugrunde zu gehen – oder gar nicht erst zu beginnen, aus Angst vor dem Scheitern. Entschlossen stellt sie sich ihrer Lebensangst und fordert Olivier dazu auf, dasselbe zu tun. Das bezaubernde und kluge Debüt einer jungen niederländischen Autorin.

MEINE REZENSION

Äusserlich unscheinbar, innerlich brillant und überraschend. Das Debüt „Der Himmel über Paris“ von Bregje Hofstede, erschienen im Verlag C.H. Beck. Wow. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es dauerte eine Weile bis ich Zugang zur Story fand. Olivier langweilte, Fie verwirrte mich… Was sollte ich von alledem halten? Was wollte Olivier? Die Vergangenheit zurückholen? Fehler gutmachen? Entscheidungen revidieren? Und Fie? Ist sie auf der Flucht? Wovor? Vor wem? Sich selbst? Ihrer Mutter?

All das sind Fragen, die sich mir im Verlauf der Lektüre stellten. Und auf die ich nach und nach Antworten erhalten sollte. Da ist Olivier Massarin – ein gestandener Mann und Professor für Kunstgeschichte, Anfang fünfzig, in einer lockeren, aber liebevollen Liaison mit Sylvie, die „Coco Mademoiselle“ von Chanel trägt und die ich so gar nicht einschätzen kann. Sie ist eine Frau, die sich permanent hinter einer Maske zu verstecken und nicht bereit scheint, sich Olivier völlig ungeschminkt zu zeigen und hinzugeben. Ausserdem wären da noch Jacques Lemonneur mit seinem Sohn Marc, sowie Olivier’s Chef Paul Bonnard und dessen Frau Marie. Das waren dann auch schon alle Protagonisten und mehr braucht es für diesen guten Roman auch nicht. Ermüdend fand ich bisweilen Sofies Essays, die sicher für Kunstliebhaber oder Studenten der Kunstgeschichte spannend sein mögen, jedoch für mich nur stilistisches Mittel zum Zweck waren. Sie zwingen Olivier zum Kontakt mit seiner Studentin. Ich las sie nur quer.

Fie, Sofie Schoonhoven, scheint eine ganz besondere, wenn auch eigenartige junge Frau zu sein, die offenbar glaubt, sich in die Welt fügen zu müssen… es verkrampft versucht und doch daran zu zerbrechen droht. Wäre da nicht Olivier, der sie immer wieder mit starken Armen auffängt – Beschützer, Mentor, Pate, Vaterfigur?

Der Leser erlebt nebenbei den ganz normalen Alltag an einer Pariser Universität und bekommt zugleich tiefe Einblicke in die Psyche der beiden Hauptdarsteller … Sind sie vielleicht Seelenverwandte aus einer anderen Zeit? Sind sie beide etwas verrückt und gefangen in ihren Gedanken?

Ab Mitte des Romans konnte ich mich endlich darauf einlassen, schlich mit beiden durch die Museen, joggte mit Fie durch die Straßen und Parks von Paris, wartete mit Olivier hinter dem Fenster, beobachtete jeden Passanten, mit und ohne Kind, mit und ohne Hund…

Die Lektüre passte perfekt zum verschneiten Osterfest. Danke und Daumen hoch.

Impressionen gefällig? Bitteschön:

„Der Himmel über Montparnasse war wie eine eingefrorene Explosion.“ S.14

 

„Dann war ihr hübscher kleiner Körper von einer zusätzlichen Schicht Lebensprallheit überzogen wie ein Glas, das man bis oben hin einschenkt, bis sich die Flüssigkeit über den Rand wölbt.“ S.18

 

„Er sagte, dass er die andere auch lieben würde, aber dennoch könne er auch sie, könne er sie beide …? Lieben?“ S.23

 

„Im Zimmer hatte sich ein leerer Raum gebildet; es befand sich nichts mehr zwischen ihm, der Musik und der Erinnerung an Mathilde.“ S.48

 

„Es wollte heraus, raus, raus, es schrie während der ganzen Nacht.“ S.51

 

„… würde er die Worte aus ihr aufsteigen lassen: bunt schillernde Seifenblasen, die sie überrascht zu fangen versuchte.“ S.126

 

„Echte Leere ist,… wenn derjenige, mit dem man zusammenlebt, einen nicht mehr sieht. Alles wird leer. Es fängt an den Rändern des Tages an…“ S.134

 

„Sie war der Wolf und er ein eher zweifelhaftes Rotkäppchen.“ S. 148

 

„Ein Franzose traut sich nicht, Nein zur Liebe zu sagen, auch wenn es keine große Liebe war.“ S.160

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