Zum Inhalt springen

Kurzurlaub in Mitte


Nach Monaten, Tagen, Wochen, Stunden der Isolation, des freiwilligen Stay@Home musste ich heute nach Berlin-Mitte… Warum? Ist das überhaupt erlaubt? Sind das nicht mehr als 15km?

Nun, vorgestern gab unser Bürostuhl im HomeOffice einfach mal seinen Geist auf. Fast schon panisch telefonierte ich der Service-Abteilung meines Arbeitgebers. Und siehe da. Mein netter Kollege hat noch einen ausrangierten, höhenverstellbaren Stuhl im Lager. Ich bitte ihn mit all meinem (allseits berühmt berüchtigten) Charme, mir das gute Stück – mit einem Namenszettel versehen – in unser Büro zu stellen, damit ich ihn mir am Wochenende (sprich spätesten heute) dort abholen kann. 7/24 ist unsere Pförtnerloge besetzt. Klingeln. Ausweis vorzeigen. Zeit eintragen. Ins Büro gehen. Da war tatsächlich schon ein Eintrag von heute (Sonntag) morgen 4:25 Uhr – krasser shit. Mir ist natürlich bewusst, dass es ein Privileg ist, dass uns unser Arbeitgeber gestattet. So können Anwesenheitszeiten und -zahlen entzerrt werden …

Die Gänge sind gespenstisch leer und in ein seltsames Schummerlicht getaucht. Ich fühle mich wie “Nachts im Museum” nur eben “Tags in einer Behörde”. Im Büro empfängt mich die Aussicht auf die Spree, die im Sonnenlicht glitzert. Ein Anblick, der mir Schmetterlinge im Bauch beschert. Wer hätte gedacht, dass man sein Büro so sehr vermissen kann. Ich habe es geahnt. Dennoch kenne und achte ich die Anweisungen -> HomeOffice bis … na, mal sehen, wie lange noch.

Der Bürostuhl steht wartend hinter der Bürotür. Mein Deko-Mini-Weihnachtsbäumchen beschwert einen Brief für mich. Ich packe alles zusammen, nehme noch Notebook-Ladekabel und Büro-Lesebrille mit und schiebe den Stuhl zurück durch die verwaisten Gänge Richtung Pförtnerinnen und Ausgang. Mein Mann hievt den Stuhl in den Kofferraum und wir beschließen spontan, “Unter den Linden” einen kleinen Spaziergang zu machen und eine Station mit der neuen Kanzler-U-Bahn zu düsen. Die Sonne scheint. Menschen sind nur wenige auf den Straßen. Es ist Sonntagmittag, kurz nach halb ein.

Ich merke, wie meine Lungen den Spirit dieser Stadt einatmen. All das fehlt mir so sehr. Es fühlt sich an, wie Medizin für ein ausgehungertes Herz, eine vereinsamte Seele. Ich schaue, staune, wundere mich, wie viele Baustellen inzwischen fertiggestellt sind und entdecke den Eingang zur neuen U-Bahn-Linie.

Ein schöner, moderner U-Bahnhof empfängt uns und ein weiterer eine Station später. Und schon stehen wir vor unserem Wahrzeichen und fühlen uns wie im Kurzurlaub in Mitte. Verliebt wie zwei Turteltauben ziehen wir weiter zum Reichstag, vorbei am Abgeordnetenhaus, der Spree und zurück zur Friedrichstraße. Die wenigen Menschen unterwegs scheinen es ähnlich zu genießen wie wir. Für den Moment bin ich einfach glücklich. Mehr brauchte es also gar nicht? Etwas Sonne und Berlin-Mitte!

Als wir am Auto ankommen, hat sich die Sonne bereits wieder von dannen gemacht. Schade. Doch in meinem Herzen scheint sie unbeirrt weiter. Zumindest für heute und vielleicht auch noch morgen, übermorgen, überübermorgen …

Published inKolumne
et Claire