Einfach schwimmen

DIE SCHÖNHEIT DER NACHT
Nina George

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Knaur HC (2. Mai 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426654067

Vor der beeindruckenden Kulisse der bretonischen Küste lässt Bestseller-Autorin Nina George zwei Frauen sich selbst neu entdecken: ihre Wünsche und Träume, ihre Sinnlichkeit, ihr Begehren.

Die angesehene Pariser Verhaltensbiologin Claire sehnt sich immer rastloser danach, zu spüren, dass sie lebt und nicht nur funktioniert. Die junge Julie wartet auf etwas, das sie innerlich in Brand steckt – auf des Lebens Rausch, auf Farben, Mut und Leidenschaft. In der glühenden Sommerhitze der Bretagne, am Ende der Welt, entdecken die beiden unterschiedlichen Frauen Lebenslust und Leidenschaft neu – und werden danach nie wieder dieselben sein.
In der „Schönheit der Nacht“ erzählt Nina George, Autorin des Welt-Bestsellers „Das Lavendelzimmer“, sinnlich, intensiv und präzise von Weiblichkeit in allen Facetten: eine Geschichte vom Werden, vom Versteinern und vom Aufbrechen.

MEINE REZENSION

Ja, irgendwie musste ich nach der – schier unendlichen – Lektüre ausgerechnet an Dorie (Nemo’s Freundin in blau-gelb) denken und ihren kleinen Mutmacher-Song „Einfach schwimmen, einfach schwimmen“…
Ich glaube, dass muss ich an späterer Stelle genauer erklären.

Ich dachte, ich hätte in „Die Architektur des Knotens“ von Julia Jessen bereits mein Highlight des Buchjahres 2018 entdeckt. Doch vielleicht leuchten für mich persönlich zwei helle Sterne am Bücherhimmel der diesjährigen Erscheinungen. Dieser Roman hat mich überrascht, gefesselt, umschlungen und dann wieder in die Realität „gespuckt“. Wie eine warme, weiche Decke vor dem Kamin nahmen mich Nina Georges Metaphern in den Arm, schmeichelten und entblättern die Geheimnisse einer Frau Mitte vierzig. Wie bei einer Rose im Zenit fiel Blatt und Blatt und zurück blieb dennoch Schönheit. Wie bei einer Tasse Tee, einer zarten Torte oder einem sonnigen Tag, genoss ich jede Kleinigkeit, jedes Kapitel in fast homöopathischen Dosen. Ich wollte einfach nicht wissen, wie es endet, dass es überhaupt endet. Denn ist dieser Roman nicht nur ein winziger Ausschnitt in einem immerfort währendem Prozess des Sich-Verlierens, Sich-Entdeckens und Sich-Wiederfindens?

Meine Fähnchen, meine Markierungen lassen sich kaum zählen, so viele sind es. Unglaubliche Zitate könnte ich hier anbringen. Doch das würde dem Roman nicht gerecht, es würde ihn zerreißen, entweihen. Er sollte genossen werden, wie er ist – an einem Stück und nicht nur auszugsweise.

Doch warum Dorie’s Lied? Warum der Titel meiner Rezension? Das Schwimmen – selbst, zu schwimmen und es zu lernen – ist für mich die zentrale Metapher des Buches. Das Meer als das Leben. Es nimmt sich, es gibt vieles und es kann dich tragen oder umbringen. Es braucht Mut. Mut, zu Schwimmen und Mut, zu leben. Daher meine Erinnerung an das schlichte Lied des Doktorfisches. Denn eines ist Schwimmen ebenso wenig wie das Leben, einfach.

Die zentrale Frage des Romans – wie lebe ich und wie will ich leben? Gleich gefolgt von, wer bin ich und was will ich. Fremdbestimmtheit zieht sich durch Claire’s Leben. So empfindet sie es. Fremdbestimmt von einer Rolle, die ihre Mutter nicht einnehmen konnte. Fremdbestimmt von einem Wesen, dass offenbar viel zu früh in ihr heranwuchs und doch ihr Leben bestimmen sollte. Fremdbestimmt von ihrem Mann Gilles, dem sie alles verzieh, dem sie sich nie wirklich offenbarte. Und so weiter und so fort.

Und dann taucht schon sehr früh Julie auf, um Claires Leben gehörig auf den Kopf zu stellen? Wohl eher, um ihr den Kopf wieder gerade zu rücken und just by the way findet auch die Neunzehnjährige zu ihrem wahren ich.

Daneben gibt es natürlich Claire’s Mann Gilles, ihren Sohn Nicolas, den Bruder Ludo, ihre berühmte Schwester Anaëlle und nicht zuletzt Nikita, den Tangolehrer. Und ich meine, er war derjenige, der die Welt endgültig zum Einstürzen brachte. Ein Sommer in der Bretagne voller Überraschungen, ein Sommer voller Wendungen und ein Sommer voller Abenteuer. Aus diesem Sommer kehrt niemand zurück, wie er einst war – außer vielleicht Nikita.

Der Roman macht einerseits Mut, andererseits frage ich mich – ist es so einfach, zu schwimmen?
Wer Mitte vierzig kommt nicht an den Punkt, alles in Frage zu stellen? Viele wären vielleicht gerne so mutig wie Claire und verharren doch unter ihren Sonnenschirmen, leugnen Wünsche und Sehnsüchte aller Art. Sich all diese Fragen zu stellen und sich ihnen zu stellen, mutet fast schon philosophisch an. Wie kann ich geben ohne mich aufzugeben? Ich brauche wohl noch eine Menge Zeit, um das Gelesene zu verarbeiten.

Selbstverwirklichung. Wer schafft diesen Spagat am Ende?

Vielen Dank an den Verlag Drömer Knaur für das Rezensionsexemplar.