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Besuch einer Dame

Letzte Nacht bekam ich Besuch. Während Corona? Nachts? Aha.

Jap, ganz spontan klingelte es an meiner Tür – Verzeihung, an meinem Kopf.

Ich frage höflich, “Wer ist denn da um diese Zeit und begehrt Einlass in mein Hirn?”.
“Ja, erkennst du mich denn nicht, liebe Claire?”, wispert es an meinen Schläfen. “Ich bin’s deine gute alte Freundin Migräne.”

Ein letzter, verzweifelter Gedanke durchfährt mich, ‘Nee jetzt, das darf doch wohl nicht wahr sein. Die schon wieder? War die nicht erst vor drei Wochen zu Besuch? Kann die mich nicht in Ruhe lassen? Was will die denn schon wieder? Soll ich sie reinlassen?’.

Zu spät. Da schlüpft sie schon ungebeten an mir vorbei, hinein in mein Hirn …
Oh mein Gott, wie ich das Gefühl hasse, wenn sie sich in meinem Kopf breit macht als wäre es ihr zu Hause. “Hallo? Hier wohne ich. Das ist ja wohl mein Kopf, Fräulein”, schleudere ich ihr einigermaßen genervt entgegen. Doch es hilft kein Jammern, Flehen, Toben – sie geht nicht. Auch Herr Ibu, schnellstens herbeigeeilt, kann sie leider nicht davon überzeugen, dass es jetzt wirklich besser wäre, dieses Haus zu verlassen.

Einmal da, bleibt sie und richtet es sich gemütlich ein. Und “gemütlich” heißt in meinem Fall: schraubzwingenartiger Kopfschmerz. Es gibt nur einen Weg. Ich begrüße artig den Gast, bringe ihr einen Tee, schließe die Augen (und die Jalousien!) und warte bis es ihr langweilig wird und sie endlich wieder verschwinden möge. Das tut sie jedoch meistens erst nach Stunden oder gar Tagen. Bis dahin heißt es Lächeln, Claire, brav Nicken und vor allem NICHT REDEN, sondern jeglichen Lärm vermeiden. Der kleinste Laut regt die Dame nämlich auf und macht sie zur echten Furie. Willste nicht haben. Glaub mir. DAS WILLST DU NICHT HABEN. Also: immer schön leise … Silence is goldener denn je.

Toll, wenn dann der Postbote klingelt, ein Hubschrauber im Tiefflug über das Domizil rauscht oder die liebe Familie, umsichtig helfend, laut klappernd und plappernd bei fetter Mucke den Geschirrspüler ausräumt (merci trotzdem :). Denn dann bäumt sich meine ungebetene Besucherin so derart auf, dass einem Angst und Bange wird. In meinem speziellen Fall heißt das, dass die Tränen kullern. Was wiederum auf eine Art befreiend und reinigend wirkt, als könnte ich Frau Migräne allein schon dadurch aus meinem Kopf spülen.

Aber das wäre natürlich viel zu einfach als das es nachhaltig funktionieren würde. Nix da. Madame bleibt in ihrer Hängematte liegen und schaukelt sich weiter durch meine Hirnwindungen. Na super. Aber ich lasse ihr ihren Spass, ist ja eh umsonst und dabei denke ich die ganze Zeit vor mich hin, ‘Frau Migräne, du bist eine echte Bitch.’. Ja, ja, ich weiß, das ist nicht nett, das sagt man nicht. Na und? Ich denke es ja auch nur, soweit ich denken kann und außerdem habe ich dahingehend ja wohl gerade echt mildernde Umstände verdient.

Sie lächelt nur süsslich als sie sich ganz langsam verabschiedet und flüstert: “Au revoir, Claire, bis zum nächsten Mal. Es war wieder sehr nett bei Dir.”.

Danke auch. Ein “Adieu” von ihr wäre mir lieber gewesen. Den Müll in Form von Brei darf ich jetzt schön die nächsten Tage beiseite schaufeln.
Ich sag ja, ich mag sie nicht. Punkt.

Published inKolumne

Ein Kommentar

  1. Barbe

    Liebe Claire,
    Migräne haben ist echt schrecklich !
    J‘espere qu‘elles ne reviendront pas de si tôt…
    Courage

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et Claire