Wolf im Schafspelz

Macadam
oder Das Mädchen von Nr.12
Jean-Pail Didierlaurent
  • Broschiert: 160 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
  • Auflage: Deutsche Erstausgabe (7. Juli 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Aus dem Französischen: Sina de Malafosse
  • Originaltitel: Macadam

11 preisgekrönte Erzählungen in einem Band

 

Die Aufregung der Kassiererin in einer Maut-Kabine, eine dubiose Mahlzeit, der erste Schuhabdruck auf dem Mond, ein Fliegenschiss mit fatalen Folgen …: Wunderbar originelle Figuren und Begebenheiten stehen im Zentrum dieser hinreißenden Erzählungsbands von Jean-Paul Didierlaurent, der mit seinem Romandebüt ›Die Sehnsucht des Vorlesers‹ weltweit Hunderttausende von Lesern verzaubert hat. Mal leicht, mal ernst, mal höchst ironisch, mal düster, unheimlich komisch, poetisch oder schräg und immer mit herrlicher Pointe: Mit Fug und Recht wurden auch diese Erzählungen des SPIEGEL-Bestsellerautors mit Preisen gekrönt. Übrigens: Erinnern Sie sich noch an die Buchseiten, die Guylain vor dem Reißwolf gerettet hat? Hier findet man die ganzen Geschichten dazu!

MEINE REZENSION

Elf Geschichten. Wann habe ich zuletzt Kurzgeschichten gelesen? Es muss lange her sein. Ich gestehe, den „Vorleser“ bisher nicht genossen zu haben. Und ich gestehe weiterhin, dass ich mir damit wohl auch noch etwas Zeit lassen werde. Zu heftig waren die Emotionen, die tiefen Einblicke in die Abgründe und Ängste der Menschen in diesem kleinen Erzählband des Monsieur Didierlaurent, die er immer erst gen Ende der Story wahrhaftig offenbart… Der Leser ahnt, der Leser fürchtet – dann erwischt es ihn dennoch eiskalt. Immer wieder. Und immer wieder spielen Toreros eine zentrale Rolle?!? Hmmm.

Das Cover – zart, zurückhaltend, in bleu. Ein skizziertes Mädchen (vielleicht Mathilde aus Nummer eins) vor einem Zifferblatt ohne Zeiger… Alle Kurzgeschichten in hellblauer Schrift, abwechselnd auf cremefarbenen bzw. zart blauem Grund, verschleiern geschickt die Emotionalität der Stories, deren packende Inhalte. (Hinweis am Rande – blaue Schrift auf blauem Grund im Halbdunkel = schwere Kost für die Augen)

Doch zum Wesentlichen, dem Inhalt der kleinen, hochgelobten Sammlung:

  • In der ersten Geschichte begegnen wir Mathilde – beeindruckend.
  • Nummer zwei – der Pater: amüsant.
  • Der alte Mann in Geschichte drei: bedrückend.
  • Herzerwärmend – der Sternengarten von Nummer vier.
  • Das Menü des Yvan aus Erzählung fünf – perfide, abartig, abstoßend und dennoch intensiv.
  • Madame Calderon in der Nummer sechs ist erstaunlich warmherzig, voll unendlicher Liebe & Trauer.
  • Nummer sieben: Joseph und die Birke – beklemmend.
  • Der Graphologe aus Geschichte acht – krankhaft, jedoch faszinierend.
  • Nummer neun – Papa Jean – widerwärtig.
  • Story zehn und elf ließen mich durchatmen und ein wenig zur Ruhe kommen.

Zum Glück. Denn mehr wäre schwer erträglich gewesen. Ein Wechselbad der Gefühle. Der Autor behandelt hier nahezu alle großen Themen des Lebens, von Liebe über Trauer und Ticks, Gewalt, Familie und Sehnsüchte.

Wie ein Wolf – besser ein ganzes Rudel – im Schafspelz sind die elf Kurzgeschichten nett verpackt, um dann in all ihrer gnadenlosen, schonungslosen Offenheit zuzuschlagen. Die Sprache des Autors ist immer bildhaft und überwindet damit jede Distanz zum Leser.

„Sein Gewissen blieb vor Verblüffung stumm – was er nutzte, um der Stimme die Tür vor der Nase zuzuschlagen.“ S.29

„Denn genau darum geht es beim Treffen mit Gevatter Tod: um einen formvollendeten Todesstoß.“ S.44

„… und den abgerissenen Bremskabeln, die wie zwei leblose Fühler in der Luft hängen.“ S.46

„Ein Grabmal hat für mich etwas viel zu Endgültiges, etwas, das die Erinnerungen in Stein einmauert und dort erstarren lässt.“ S. 75

Zu guter Letzt findet sich auf Seite 141 sogar noch ein Zitat von William Shakespeare aus Hamlet

„Die Zeit ist aus den Fugen; o verfluchte Schicksalstücken, dass ich jemals geboren ward, um sie zurechtzurücken!“

Abwechslungsreiche Lektüre für anspruchsvolle Leser mit starken Nerven… Für mich war es ein bißchen zu heftig, daher vier von fünf Sternen. Merci!

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