Maskerade

Kosmetik des Bösen
Amélie Nothomb
  • Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1., Aufl. (März 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • Originaltitel: Cosmétique de l’ennemi
  • Aus dem Französischen von Brigitte Große
  • ISBN-10: 3257063938

Wenn das Böse so fein hergerichtet ist, daß es für niemanden mehr als solches erkenntlich ist, sondern gepflegt und anständig daherkommt, dann erst wird es richtig gefährlich.

MEINE REZENSION

Und wieder eine Überraschung. Diese Frau, Amélie Nothomb, hat mich erneut überzeugt. Sie schafft das Unerwartete und kann mir nach so vielen Jahren unterschiedlichster Lektüre noch immer sprachliche Delikatessen servieren. Dankbar nehme ich diese an und genieße die Häppchen…

Das Cover – typisch Diogenes in hell-creme – zeigt das Gesicht einer maskierten Frau zur Hälfte. Ein Halbes vom Ganzen. Eine Maske. Eine schöne Frau. Verführerisch rote Lippen vor rotem Hintergrund.
Mir gefällt es sehr, wirklich.

Das Originalcover konnte mich hingegen nicht überzeugen. Ein kleiner Vergleich gefällig? Bitteschön – grün/gelb mit Flugzeugen und dem Gesicht einer Frau im Hintergrund…

Auf einem Flughafen treffen wir zwei Personen – Geschäftsmann Jérôme Angust und Textor Texel, ein offenbar Verrückter. Der eine „textet“ den anderen zu, ohne sich wehren könnte. Gegen diesen Textor Texel scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Dialoge von unglaublicher Intensität entspinnen sich zwischen den beiden. Manchmal mehr Monolog, manchmal mehr Wortgefecht, wird der Leser tiefer und tiefer in den Abgrund der menschlichen Psyche gezogen. Wer trägt hier welche Maske? Der Leser wird es am Ende erfahren. Textor Texel ist widerwärtig, abartig und von eiskalter Natur. Jérôme Angust lässt sich so gar nicht einschätzen. Er ist zum Zuhören verdammt… Mehr darf ich nicht verraten, um dem kleinen Roman nicht die Würze zu nehmen. Eine Maskerade des Gewissens. Der eine will alle Karten auf den Tisch legen, der andere nichts von sich preis geben.

Die zunächst zaghaften Dialoge steigern sich in Intensität und Boshaftigkeit. Alles um die beiden herum wird ausgeblendet, der Flughafen, die anderen Passagiere spielen keine Rolle… werden nicht einmal zu Randfiguren. Der Autorin gelingt auf nur 112 Seiten eine permanente Steigerung der Dramatik. Sie beweist damit einmal mehr ihr großes sprachliches Talent. Die Übersetzung ist offenbar überaus gelungen… wie schon bei „Blaubart“ von Brigitte Große. Merci et Chapeau! Natürlich vergleiche ich diesen Roman mit Blaubart – wie sollte es anders sein, wenn man wie selten bei mir, so kurz nacheinander zwei Werke einer Autorin liest… Dialoge sind die Welt der Amélie N. So war es bei Blaubart, so ist es bei der Kosmetik des Bösen. Mir fällt spontan niemand ein, der/dem es auf diese Weise gelingt, eine derart beklemmende Spannung zu erzeugen, allein durch Dialoge, dem Gesagten und dem Ungesagten zwischen den Zeilen.

„Sie lesen nicht. Sie glauben es vielleicht, aber Lesen ist etwas anderes.“ S.7

„Das Wort ‚Text‘ stammt vom lateinischen Verb textere, weben. Das heißt, der Text ist zuallererst ein Gewebe aus Worten.“ S.11

„Aber es ist der Welt… noch nicht gelungen, den Jungen in Ihnen zu töten, der die Fenster zum Universum aufreißt, weil ihn die Neugier fast umbringt.“ S. 14

„… der Mensch ist eine Zitadelle, deren Tore die Sinne sind …“ S.29

„… ihr Name war entzückend, melodiös, liebenswürdig und perlend wie Quellwasser.“ S.63

„Ich messe alles Handeln an der Elle des Genusses.“ S. 70

„…Ich-Religion:’Ich bin ich, nichts als ich und nichts anderes als ich…’…“ S.90

Ein wunderbares Buch für Leser, die das Besondere schätzen. Vielleicht ein Geschenk, eine Empfehlung für Leser, die das Außergewöhnliche suchen.

Mein Fazit? Unbedingt lesen und daher fünf von fünf Sternen von mir.

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