Verknotet

Die Architektur des Knotens
Julia Jessen

Yvonne und Jonas sind ein gutes Paar. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Kinder, sie haben einen großen Freundeskreis, sie verstehen sich, beide sind berufstätig, teilen sich die Aufgaben. Warum Yvonne immer mehr das lähmende Gefühl hat, nur noch zu funktionieren, ist ihr selbst rätselhaft. Nur die Gewissheit, dass es so nicht weitergehen kann, die wird immer stärker. Nach einem Fest geht sie mit einem der jüngeren Gäste noch in eine Bar. Und schläft mit ihm. Aber warum musste sie es ihrem Mann erzählen? Warum dann ihre Familie verlassen? Warum etwas zerstören, was sie perfekt aufgebaut hat? Um dem wunschlosen Unglück, der stillen Zerstörung zuvorzukommen, die man oft erst bemerkt, wenn es zu spät ist? Julia Jessen erzählt schmerzhaft genau von Konflikten, in denen viele sich wiederfinden, auch wenn sich nur wenige so radikal damit konfrontieren. Und sie erzählt davon, wie eine Familie wieder zusammenfindet, auch wenn es nicht mehr so ist, wie es mal war.

MEINE REZENSION

Yvonne & Jonas. John & Mika. Sven & Mille. Andrea & Frank. Eva. Lars. Peter. Linda & Bobby. Ich traf auf eine bunte Mischung an Menschen, Kindern, Paaren, Nicht-Paaren, Nicht-mehr-Paaren, Neu-Paaren… Da bin ich auch schon bei des Pudels Kern, beziehungsweise dem Inneren des Knotens der Geschichte. Es geht um Beziehungen, um Ansprüche, um Erwartungen, um Rebellion, Auflehnung, Veränderung und es geht um all die Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen – bei denen kein Arzt oder Apotheker helfen kann – nämlich Schmerz, Wut, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung. Ein Knoten kann für Sicherheit und Halt stehen, jedoch auch gefangen halten, knebeln. In sein Innerstes zu schauen, ihn zu lockern, zu entwirren oder gar aufzulösen, scheint fast ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Yvonne, genannt Yv, ist Ende dreißig, verheiratet mit dem selbständigen Physiotherapeuten Jonas, hat zwei Kinder – John und Mika. Sie arbeitet als Grundschullehrerin und plötzlich, wie es scheint, bricht sie aus. Doch dieses Erdbeben kommt nicht abrupt. Es kündigt sich an. Die Stimmen in Yvonnes Kopf werden lauter, lassen sie nicht mehr zur Ruhe kommen, die Fragezeichen werden übermächtig und letztlich stellt sie sich ihren Dämonen. Sie verlässt den Pfad der Tugend, die vorgegebenen Wege einer verheirateten Frau und riskiert damit alles, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, wohin sie ihr Bestreben führen wird – abgesehen von einer Galerie und einem anderen Mann.

Schnell wurde mir bewußt, bei diesem Roman ist der Weg das Ziel und selbst das bleibt vage. Denn niemand kann ein Ziel benennen, die Protagonistin selbst am allerwenigsten. Yv hangelt sich von einer Selbsterkenntnis zur nächsten und balanciert währenddessen nah am Abgrund. Dabei stößt sie selbstredend auf allerhand Ablehnung, Widerstände und Unverständnis, jedoch auch auf ganz neue Menschen und deren Lebensmodelle. Einer davon ist Peter, mit dem sie eine Affäre hat, der ganz anders lebt und denkt. Zunächst könnte man meinen, diese Frau am Rande der oder mitten in der Midlife-Crisis flieht vor dem Alltag in die starken Arme eines jüngeren Mannes, verantwortungslos und selbstsüchtig. Doch Yv stellt ihre Liebe zu Jonas und den Kindern nie, zu keiner Zeit, in Frage. Sie vermisst ihre Familie und deren Vertrautheit, kann jedoch nicht einen Moment so nicht weiterleben – in vorbestimmten Bahnen, auf festgetretenen Wegen. Rückkehr in Demut ist für sie also keine Option. Diese Frau sehnt sich nach Veränderungen, nach Neuem, nach dem Unbekannten.

Genau genommen ist sie eine Aktivistin, Amazone, Rebellin, die sich und die Normen ihres Lebens als berufstätige Mutter und Ehefrau komplett in Frage stellt. Eine Frau, die sich etwas traut und dafür gewissermaßen durch die Hölle geht – zugegeben eine selbstgewählte Hölle. Sie lebt plötzlich im Hotel, quält sich im Job, droht irre zu werden. Wäre da nicht ein Anker namens „Eva hysterisch“ – dieses Bild, ein Gemälde, das sie sah und nie vergaß. Eva bewirkte so viel in ihr und konnte sie auf subtile Art immer wieder erden, beruhigen. Ja, alles würde irgendwie weitergehen und auch gut werden. Und ja, ich habe zutiefst Verständnis für Yv und gleichzeitig Mitleid mit Jonas, weil er es sich nicht aussuchen konnte. Kaltes Wasser. Schwimmen lernen. Bis zuletzt bleibt unklar, welchen Weg die Beiden gehen werden. Gemeinsam, einsam, getrennt? Diese Spannung auf 400 Seiten war manchmal nahezu unerträglich.

Als Leserin der im knallharten Stakkato verfassten Sätze kroch ich förmlich durch Yvonnes Gedankenknoten, spürte ihre Verzweiflung, wusste selbst oft nicht weiter. Ich grübelte, verglich. Es war unglaublich aufregend, dieser inneren Evolution einer Frau zu folgen und zu einem voyeuristischen Teil zu werden. Ihre Gedanken waren wie Dialoge, da sie sich selbst die Fragen stellte, die mir durch den Kopf schwirrten. Ich ahnte schon bei Cover, Titel und Klappentext, dass dieser Roman meine persönliche Entdeckung des Jahres 2018 werden könnte und ich sollte recht behalten.

Das ist kein gewöhnlicher Roman. Das hier ist anstrengend. Das ist bisweilen schräg und bizarr und dennoch zu keinem Zeitpunkt unwahrscheinlich. All das macht „Die Architektur des Knotens“ zu einem besonderen Roman jenseits aller Klischees und Vorhersehbarkeit. Der Mensch, hier eine Frau, im Inneren des Knotens, verstrickt in Konventionen, gefangen in Normen und Wertvorstellungen… verknotet und verheddert im eigenen Leben. Gibt es dafür einen Ausweg? Welchen verschlungenen Pfad wird sie nehmen? Gibt es überhaupt einen Weg? Oder gar viele? Keinen?

Ich bleibe dabei, immer ist der Weg das eigentliche Ziel und Yv ist losgegangen, während die meisten verharren. Dieses Buch kommt ganz oben auf meine Empfehlungsliste.

Es fällt mir unglaublich schwer, eine Auswahl an Zitaten zu finden. Ich habe so, so viele während der Lektüre markiert:

„Weil ich aufgewacht bin mit einem Zettel am Zeh, auf dem Stand: Ich will das so nicht mehr. Das stand auf dem Zettel.“ S.35

 

„Den Knoten zerschlagen. Gucken, was da überhaupt ist. Was übrig bleibt.“ S.95

 

„Ich bin eingeflochten in den Knoten, mich „ergeben“… einrichten, erhalten, schützen, irgendwie Ordnung schaffen…“ S.97

 

„Es ist die Poesie, die mich tröstet. Das, was über dem Alltäglichem, hinter dem Bekannten. Oder in ihm verborgen.“ S.183

 

„Wie war Squash heute? Prima, danke. Wie war Sex heute. Prima, danke.“ S.250