Und täglich grüßt das Murmeltier

Lena Anderssson
Unvollkommene Verbindlichkeiten
  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag (10. April 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3630875246
  • ISBN-13: 978-3630875248
  • Originaltitel: Utan personligt ansvar

Nichts ist komplizierter als die Beziehung zwischen Mann und Frau. Das muss auch Ester Nilsson feststellen, Mitte dreißig und von Beruf Journalistin und Dichterin. Fünf Jahre sind vergangen seit ihrer unglücklichen Liebesbeziehung mit dem Künstler Hugo Rask, und Ester hat sich vorgenommen, dass ihr so etwas nie mehr passieren wird: einen Mann zu lieben, der sich nicht festlegen und ganz zu ihr bekennen will. Dann trifft sie bei einer Theaterprobe den Schauspieler Olof und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Olof macht kein Geheimnis daraus, dass er verheiratet ist. Trotzdem trifft er Ester. Die beiden gehen eine Beziehung ein, von der Olof behauptet, es sei keine. Er hat schließlich nicht vor, seine Frau zu verlassen. Also worauf wartet Ester?

MEINE REZENSION

Ein wunderschönes, bezauberndes, vielversprechendes Cover, zehn Tage zäher Lektüre, 348 Seiten und 3,5 Jahre on/off-Beziehung zwischen Ester und Olof später bin ich sicher… und täglich grüßt das Murmeltier. Wer wie ich erwartete, dass Ester nach ihrer schrägen Beziehung zu Hugo Rask im Vorgängerroman „Widerrechtliche Inbesitznahme“ – ebenfalls erschienen bei Luchterhand/Randomhouse – endlich dazugelernt hätte, nun, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt, es selbst herauszufinden.

Es war mühsam und langatmig, denn immer wenn ich dachte, jetzt… jetzt wird er oder sie einen entscheidenden Schritt tun, drehte sich das Hamsterrad von Neuem. Der Titel in Anlehnung an den gleichnamigen Film ist daher ganz bewusst gewählt… Denn so wie der Hauptdarsteller einen bestimmten Tag immer wieder durchleben muss, durchlebt auch Ester Nilsson immer wieder die von ihr gewählte emotionale Hölle. Olof ist mir von Beginn an unsympathisch und das ändert sich auf den 348 Seiten auch nicht mehr. Ester ist in vielen Dingen erschreckend authentisch die verliebte Geliebte, die stets das Gute hofft und stets… Ich lasse diesen Satz einfach unvollendet. Ja, Ester ist gebildet. Ja, Ester ist pragmatisch. Und doch, Ester ist voller Liebe, voller Hingabe und Glaube an das Gute im Menschen, resp. im Manne, resp. im verheirateten Manne, resp. in Olof. Unbeirrbar wird jede seiner Äußerungen, seiner Handlungen durch Ester analysiert, gewertet, gewichtet, besprechen, ja nahezu seziert. Eben davon lebt dieser Roman.

Im Gegensatz zur „Widerechtlichen Inbesitznahme“, den ich vor ziemlich genau einem halben Jahr las, wirkte Ester diesmal femininer auf mich, ihr Alltag greifbarer und der Chor der Freundinnen näher. Die vielen Ortsbeschreibungen überlas ich irgendwann leicht genervt, wie schon im ersten Roman, denn mir sagen all die Straßennamen und Örtlichkeiten, Entfernungen und Beschreibungen nichts. Ich bin zwar blond, aber leider nicht Skandinavien-afin, sorry. Die kühle Atmosphäre wirkte bisweilen erdrückend auf mich, die Handlung tat ihr übriges.

 

Wie deutlich zu erkennen ist, habe ich während der Lektüre viele Textpassagen markiert und eine Auswahl zu treffen, fiel mir schwer… weil einfach so viel Wahrheit darin steckt?! Die Sprache der Autorin ist rund, geschmeidig, voller Bilder…

„Wenn Ester ausreichend viele Versuche unternähme, würde das Ergebnis eines Tages damit übereinstimmen, wie die Welt ihrer Ansicht nach auszusehen hatte.“ S.14

„Frag dich, was du willst, nicht, was er will.“ S.29

„Du bist zu individualromantisch.“ S.75

„Wenn der diffuse Zustand es verlangte, wurde er aktiv. Erst wenn das Faulige und trübe Unklare wiederhergestellt waren, verfiel er in erneute Untätigkeit.“ S. 87

„Seiner Ansicht nach aber war nichts wirklich passiert, solange man es nicht benannte, bewertete und laut aussprach.“ S. 113

„Hat man das Recht, Erwartungen zu wecken, die nicht erfüllt werden können?“ S. 126

„…kaufte sie ein Buch…“Wenn Frauen zu sehr lieben“. Ester zeigte alle Symptome.“ S.137

„Lieben und fixen, das Gehirn sah da keinen Unterschied.“ S. 168

„Wenn die Liebe ungleichmäßig verteilt war, artete sie eben zur Sucht nach der nächsten Dosis aus…“ S.168

„Sollte sie aufhören zu schreiben? Es gab genug Bücher auf der Welt; sie musste nicht zu denen gehören, die den Schrott anfüllten, damit die Blumen der anderen auf dem Müllhaufen wachsen konnten, zu dessen Aufbau sie durch ihre Anstrengung beitrug.“ S.187

„Menschen wollen lieben dürfen.“ S.239

„Die Natur zog sich zum Abendessen um. Die Bäume kleideten sich Dunkelrot und Gelb, gepunktet und gesprenkelt.“ S. 301

Mein Resümee? Die Lektüre hat sich gelohnt. Ich würde das Buch allen Frauen und Männern empfehlen, die zu sehr lieben, die zu sehr analysieren, die sich manchmal auch verrennen. Hier wird der Leserin/dem Leser der Spiegel vorgehalten, wie schmal der Grat der Liebe ist, wie schnell man in Höhen aufsteigen oder auch abgrundtief fallen kann. Ein Therapiebuch für unglücklich Verliebte vielleicht – ohne Garantie auf Erfolg ;), jedoch mit Tiefgang.

Dennoch sollte man/frau sich auf einen zähen Stoff einstellen und sich darauf einlassen. Ein Roman, der in diese ungemütliche Jahreszeit zu passen scheint, wenn alles auf dem Prüfstand steht, sich man sich mit einem Buch zurückzieht und auf sich besinnt.

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