Büchse der Pandora

Kann mein Herz nicht mal die Klappe halten?

von JULIA GREVE

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch;
  • Auflage: 1. (18. Februar 2020)
  • ISBN-10: 3499291754

Ein Roman über das, was nach dem Happy End kommt … Nina ist glücklich (eigentlich). Die Ehe mit Steffen läuft gut (na ja, meistens). Die beiden Töchter, 8 und 11, verstehen sich prima (weitgehend). Man hat Freunde, geht aus, das Leben ist gut. Nur fehlt eben die Leidenschaft. “Wo soll das Knistern nach so vielen Jahren denn herkommen?” fragt Nina ihre Freundin. Gibt es sie, die Paare, die auch nach langer Zeit noch guten Sex haben? Wo sind sie und wie schaffen sie das? Steffen macht Nina einen gewagten Vorschlag – und sie lässt sich darauf ein, nicht wissend, dass sie damit die gesamte Idylle ins Chaos stürzen wird … (Klappentext)

MEINE REZENSION

Ich ahnte es. Dieses Buch ist nicht so seicht, wie der Titel vielleicht vermuten lässt und der mir irgendwie nicht so gut gefällt. Sorry.

Wer dieses Buch liest UND reflektiert, begibt sich womöglich in gefährliche Gewässer, in denen es sich mitunter schwer manövrieren lässt. Sie sind bekanntermaßen oft still, aber zumeist auch tief und … Nein, das hier ist keineswegs schmutzig, sondern hier wird thematisiert, was Alltag in deutschen Ehen – und sicher nicht nur in deutschen Ehen – ist. Zweiter Vorname? Langeweile. Frust statt Lust. WG statt Ehe.

Mit einer einzigen Passage auf einer der letzten 50 Seiten könnte ich das ganze Desaster auf den Punkt bringen. Wollt Ihr es hören resp. lesen? Bitteschön:

„Du bist seit fast zwanzig Jahren mit … zusammen, eure Kinder sind aus dem Gröbsten raus und ihr habt beide die magische Vierzig überschritten… Es ist nicht überraschend, dass ihr in eurer Beziehung und jeder für sich in seiner Leben an einem Punkt angelangt seid, wo ihr beginnt nachzudenken. Über das, was war, und über das, was vielleicht noch kommt… aber dass jedes Paar mit so einer Situation anders umgeht…“

Seite 339/340

So, nun wisst Ihr, worum es geht. Doch das sagt ja auch schon die Klappe.
Ist es wirklich die Büchse der Pandora, die Nina öffnet? Fakt ist, das Chaos ist vorprogrammiert und nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf. Sie versucht zu lenken, aber es gibt keine Bedienungsanleitung für das, was sie tun – ein Sprung ins kalte Wasser. Doch können sie schwimmen? Gibt es ein rettendes Ufer? Wenn ja, welches und wo ist es?

Der Roman von Julia Greve nimmt enorm schnell Fahrt auf. Atemlos schaue ich dabei zu, was Nina tut und welche Gedanken sie währenddessen plagen. Genau diese weibliche Perspektive macht das Buch anders, etwas tiefgründiger vielleicht? Es ist ein heikles Thema und ich wüsste nur allzu gern, wie diese Story auf einem Mann wirken würde. Vielleicht gebe es mal (m)einem zu lesen? Auszüge habe ich meinem Gatten vorgelesen, auch die Geschichte in Teilen erzählt. Aber kann ein Mann Ninas Gedankenwelt wirklich nachvollziehen?

Was tun eigentlich andere Paare gegen den Gleichmut, der sich vielleicht über die Jahre eingeschlichen hat, gegen eine Ehe wie eingeschlafene Füße? Ergeben sich die meisten in ihr Schicksal oder kämpfen sie, wie Nina? Hat jede Frau eine Gudrun, die ihr regelmäßig ins Gewissen redet, aber dennoch Verständnis hat? Fragen über Fragen und die Fragezeichen verschwinden nicht mit der Lektüre des letzten Satzes! Also Vorsicht.

Das neue Leben mit älteren Kindern ist in der Tat eine Herausforderung. Ich persönlich denke, eine echte Chance hat eine Ehe „danach“ – nach der Kinderzeit – nur dann, wenn beide auch schon in dieser Zeit immer und immer wieder reden, an sich als Paar arbeiten. Sonst geht urplötzlich das Licht aus, keiner hat es kommen sehen oder gar Kerzen für den Notfall bereit gelegt.

Ich habe viele, viele Fähnchen im Roman gesetzt, wirklich viele Stellen markiert, die mich auf unterschiedliche Art und Weise nachdenklich, erheitert oder traurig gemacht haben. Es wäre falsch und auch ihrer zu zahlreich, um sie hier wiederzugeben. Zudem würden sie einfach die Story verraten. Das möchte ich nicht.

Wem an seiner Beziehung liegt, wer seine Liebe leben und nicht nur mittels Sauerstoffzelt und Zwangsernährung künstlich am Leben erhalten möchte, der/die sollte vielleicht dieses Buch lesen und dabei vorsichtig unter den Deckel der eigenen Pandora-Büchse schauen. Ob Ihr letzten Endes Euren ganz persönlichen Deckel wirklich hochheben wollt, bleibt jedem/r selbst überlassen. Ihr wißt schon: Alles kann, nichts muss …

Chapeau, Frau Greve, für den Mut zu dieser etwas anderen, gelungenen Geschichte und ein Merci an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar.

P.S. Ein paar Tage sind seit meiner Rezension ins Land gezogen und ich möchte ausnahmsweise etwas hinzufügen.

Ich will und werde Nina, Steffen, Miriam, Tim etc. hier weder bewerten noch beurteilen. Dennoch möchte ich sagen, dass ich einiges anders als die Autorin in ihrer Story sehe.

Da wäre zum einen das Ende des Romans. Hier ist es eine logische Konsequenz und jede/r halbwegs pfiffige/r Leser/in ahnt es während der Lektüre bereits … wohin das unweigerlich führen wird und führen muss. Zweitens, vielleicht kommen Steffens Beweggründe zu kurz. Entsprang das „Unwort“ seiner Phantasie? War es ein lang gehegter Wunsch? Oder gab es längst, seit vielen Jahren zu wenig Nähe zwischen den Eheleuten? Ich fand es sehr bedenklich, als ich las, dass Nina sich meist selbst überlisten musste...

Hoch anzurechnen ist den Protagonisten, dass sie nicht heimlich handeln – wie es wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer unerfüllter Partner tun würde und sicherlich auch tut. „Es“ auszusprechen, die Karte quasi wörtlich auf den Tisch zu legen, dafür bedarf es gewiß einiger Courage, die den meisten Paaren fehlen dürfte oder denen es auch einfach egal ist, weil man/frau sich eh nichts mehr zu sagen oder die Hoffnung auf Besserung der Umstände gar aufgegeben hat.

Ganz ehrlich? Jede/n hätte diese Karte aus den Schuhen gehauen. Doch ich frage mich immer wieder, waren die Paare hier wirklich noch als Paare intakt oder sehnten sie sich nach Heilung durch Input von aussen?

Ein/e Psychologe/in würde vielleicht sagen, dass angeschlagenes Glas sehr leicht zerbrechen kann und wer miteinander redet, klar im Vorteil ist. Ich bin keine Psychologin, dennoch halte ich Worte für die beste Therapie. Viele, viele Worte. Und nicht nur als Gedanken in unseren Köpfen.

Gestern (07.03.2020) lief im TV die deutsche Komödie „Seitensprung mit Freunden“. Und nun weiß ich auch wieder, woran mich die Lektüre von Julia Greve erinnerte. Eben an genau diesen Film, den ich schon einmal sah, denn er stammt bereits aus dem Jahr 2016. Der oben besprochene Roman ist vier Jahre jünger und weißt etliche Parallelen auf. Nun, man/frau kann das Rad ja schließlich nicht immer wieder neu erfinden und es wäre müßig zu klären, was zuerst da war – Ei oder Huhn, Roman oder Film. Aber stutzig machte mich die Nähe der beiden Stories schon irgendwie …

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