Midlife-Crisis

Ich warte auf Dich am Ende der Strasse
Jérôme Colin
  • Broschiert: 176 Seiten
  • Verlag: Atlantik (23. Mai 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3455600506
  • ISBN-13: 978-3455600506

Wann genau verwandelt sich die Liebe in eine To-do-Liste? Was sind die wichtigsten Momente im Leben? Und was die Schönsten? Mit vierzig ist alles festgelegt, dann gibt es kein Zurück mehr. So denkt er, bis er eines Nachmittags in einer Bar Marie kennenlernt und sie ihn anlächelt. Er ist Taxifahrer in Brüssel, lauscht bereitwillig den Sorgen und Nöten seiner Passagiere oder hört Leonhard Cohen und Lou Reed. Er ist glücklich verheiratet, hat ein kleines Haus und drei Kinder. Doch mit Marie gerät alles durcheinander. Soll er den walk on the wild side wagen? Soll er seine Frau für eine andere verlassen, die er kaum kennt? Ein Roman über den scheinbar natürlichen Lauf der Dinge, die Einsamkeit in der Großstadt und die Sehnsucht, alles anders zu machen.

MEINE REZENSION

Ein Roman über die Konflikte, die ein Mann Ende Dreißig, in den Tiefen seiner männlichen Seele mit sich selbst ausficht. Dazu fallen mir folgende Substantive im Staccato ein:

  • Ehe, Kinder, Liebe, Routine, Zweifel, Begehren, Langeweile, Suche, Sinn, Midlife-Crisis, Männer, Frauen, Testosteron, Affäre, Mut, Angst, Verzweiflung, Freundschaft, Vertrauen, Familie, Tod, Glück

sowie folgende Adjektive:

  • heftig, traurig, patriarchisch, kindisch, verliebt, verzweifelt, verwirrt, bitter, hart, weich, zart, gefühlvoll, aufbrausend, egoistisch, unsicher, anmaßend, brutal, einsam, hilflos, liebevoll, unglücklich, glücklich, ängstlich

Dieser Mann, ein studierter Taxifahrer, vereint alle Klischees des normalen Wahnsinns in einer Person und legt noch eine ordentliche Portion obendrauf. Ein hypochondrischer Ehemann und Vater von drei Kindern stellt nach sechzehn Jahren alles in Frage: seine Ehe mit Léa, all seine bisherigen Entscheidungen, sein ganzes Leben – alles wegen Marie, einer kurzen, aber heftigen, alles aufrüttelnden Affäre.

Braucht es tatsächlich so wenig, um ein emotionales Ehe-Haus zum Einstürzen zu bringen?
Ja, denke ich, wenn es ein Kartenhaus ist, besteht offenbar die Möglichkeit.
Nein, denke ich, wenn das Fundament stabil ist. Denn das, was darauf steht, ist wandelbar, muss wandelbar sein, kann abgerissen, neu oder anders gebaut werden. Ohne Fundament mit entsprechender Bewehrung aus Eisen oder Stahl im Inneren sieht es echt übel aus… denn dann hat man/frau wohl auf Sand baut. Immer diese ollen Kamellen, sorry, aber is so.

Soweit meine Gedanken und Gefühle nach der Hälfte des Romans. Er liest sich weg wie Butter in der Sonne oder eher ein kräftiger Drink on the Rocks – teilweise wird hier auch knallhart formuliert, der Autor liebt kurze prägnante Sätze mit wenig Poesie, dafür mit viel Musik, ganz viel Musik. Hier wird zitiert, dass die Schwarte kracht. Ich las teilweise quer darüber. Der Protagonist selbst verbindet alles, wirklich alles (!) mit Liedern, Texten, Sängern – allen voran Leonard Cohen (nicht so mein Geschmack, aber naja). Bisher habe ich also wenig zu bemängeln. Bin positiv überrascht von dieser Zusendung aus dem Atlantik-Verlag / Hoffmann & Campe. Allerdings musste ich mich tatsächlich zunächst auf diese kräftig männliche Sichtweise einstellen. Das ist kein Herz-Schmerz-Liebes-Roman. Das hier ist krassestes Testosteron. Ein Mann rast mit Vollgas in die Midlife-Crisis. Was wird er daraus machen? Interessante Perspektive, wenn frau das vielleicht gerade selbst durchlebt, bereits hinter sich oder noch vor sich hat. Auch Frauen zweifeln, stellen sich, die Welt, ihr Leben in Frage. Das ist ein komplett geschlechterunabhängiges Verhalten und liegt in der Natur des Menschen, auf halben Wege Bilanz zu ziehen. Maybe hilft die Story auch, den eigenen Mann besser zu verstehen???

Es bleibt also weiter spannend. Ich werde berichten.

Fertig, nach nicht einmal 24 Stunden ausgelesen. Punkt. So schnell? Ja, weil sich die Story auch in der zweiten Hälfte einfach so weg las. Punkt. Verstehe ich auch nicht, denn teilweise war die Sprache schon derb, aber immer passend. Vielleicht wollte ich einfach wissen, wie er sich entscheiden wird am Ende… Der Autor hat diesen Roman in der Ich-Form geschrieben und gerade überlege ich, ob wir an irgendeiner Stelle des Romans den wahren Namen des Protagonisten erfahren. Ich meine Nein. Da ist Lea, Marie, Henry, das Grab seines Vaters, seine Mutter am Telefon und da sind seine Kinder. Vielleicht bringt gerade die Erzählform diese Nähe in die Geschichte, diese Authentizität als wäre man als Leser/Leserin mittendrin – ein Fahrgast zum Beispiel. Ich konnte in seine Gedanken, Gefühle und Verwirrungen abtauchen. Interessant für mich als Frau ins tiefste Wesen eines Mannes schauen zu dürfen. Er erzählt von seinen morgendlichen Körper-Check-ups als wäre es das Normalste der Welt. Selbst die wiederentdeckte Onanie bekommt eine tragende Rolle. Teilweise verwirrten mich all die verschiedenen Fahrgäste, die sich von ihm von A nach B oder C nach D durch Brüssel chauffieren lassen. Doch ganz besonders beleuchtet wird der Dauerfahrgast Henry. Er wird zu einem wichtigen Katalysator der Story.

Im Original heißt der Roman „Eviter les péages“ und erschien vor fast genau zwei Jahren am 7. Mai 2015. Der Titel heißt übersetzt soviel wie „Mautgebühren/Abgaben vermeiden“. Beide Titel rocken mich nicht wirklich. Macht aber nichts. Hier auch gern das Originalcover zum Vergleich …

Die „L’express“ schrieb: „Ein Debüt voller Charme und Musik“ … Charme? Für mich hätte es gern noch charmanter sein können und rein musikalisch war es mir manchmal zu viel des Guten.

„Le soir“ resümierte: „Ein grandioser Roman über die Lebenskrise mit vierzig, lakonisch und humorvoll erzählt.“. Ok, gehe ich mit, auch wenn Humor eine sehr spezielle Sache ist, so kann ich doch nicht leugnen, dass es einige wenige Passagen humorvoller Art gibt.

Die „ELLE“ sagte: „Dieses Buch ist voller Geistesblitze. Sätze, die einen berühren, belustigen, erschüttern.“ Jap und auch ein wenig lustig.

„Aufstehen, schuften, schlafen gehen. Vielen Dank für Ihre Teilnahme an diesem schönen Tag.“ S.13

„…eine Samenzelle absonderte, die mir nun dreizehn Jahre später den Zugang zu ihrem Zimmer verwehrt.“ S.20

„…das man im Prinzip immer im selben Zimmer vögelt. Immer zur gleichen Zeit. Und immer …“ S.81

„Ich stehe an einem Stoppschild hinter zwei Alten. Mein Proviant reicht für zwei Tage… “ S.95

„Fragt sich bloß, ob die Mutter meiner Kinder auch die Frau meines Lebens ist…“ S.104

„Wenn sich der Zauber des Wiedersehens entfaltet, werden Worte überflüssig.“ S.129

Ich werde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen, weitergeben, gern verschenken – an Männer wie Frauen, denn lernen können wir alle von „ihm“. Vielen Dank an den Verlag Hoffmann & Campe / Atlantik für das Rezensionsexemplar.