Herz-Schmerzen

Widerrechtliche Inbesitznahme
Lena Andersson
  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (12. Dezember 2016)
  • Originaltitel: Egenmägtikt förfarande

Wie bereit sind wir, uns selbst zu betrügen, in unserer Sehnsucht, geliebt zu werden?
Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz. Wer verlassen wird, muss dagegen bis in alle Ewigkeit reden. Und dieses ganze Gerede ist nur der Versuch, dem anderen zu sagen, dass er sich geirrt hat. Wenn er nur einsähe, wie die Dinge wirklich liegen, würde er sich nicht so verhalten, dann würde er den anderen lieben. Bei dem Gerede geht es nicht darum, sich Klarheit zu verschaffen, was der Redende behauptet, sondern darum, zu überzeugen und zu überreden.«
Ester Nilsson ist 31 Jahre alt. Sie ist Dichterin und Essayistin, eine vernünftige Person mit einer vernünftigen Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask zu halten. Im Publikum sitzt der Meister höchstpersönlich, und danach treffen sie sich zum ersten Mal. Dieser Augenblick verändert alles. Eine auf den ersten Blick völlig harmlose, unverbindliche Kommunikation nimmt ihren Anfang, in deren Verlauf es zu einer Kette von Ereignissen kommt, die katastrophal für die liebesblinde Ester enden.

MEINE REZENSION

Es ist noch ganz frisch. Es tut irgendwie noch weh. Es hat etwas mit mir gemacht. Mich berührt, verletzt, genervt…
Vor ein paar Minuten habe ich diesen kurzen Roman beendet. Ich habe trotz der Kürze eine Woche gebraucht. Die Lektüre fiel mir unendlich schwer. Vielleicht lag es am Thema, vielleicht an der schwedischen Schwermut, die mich unweigerlich befiel, vielleicht war es auch einfach nur das richtige Buch zur falschen Zeit?

Das Cover – ein Traum in rosé. Im Fokus rote Lippen – sinnlich, zart und voller Hingabe.
Die Sprache – blumig, intellektuell, scharfsinnig, manchmal abgehoben, oft wissenschaftlich und dennoch ehrlich.
Die Protagnisten – Ester Nilsson und Hugo Rask – für mich keine wirklichen Symphatieträger.
Er – ein Künstler mit schrägen Weltanschauungen, narzisstisch und unsicher, möchte von ALLEN geliebt werden, auch von der ihm intellektuell durchaus ebenbürtigen Journalistin und Dichterin Ester.
Sie – Anfang dreißig, analysiert das Wort – eine kopflastige Frau in einer eher unbefriedigenden Beziehung mit Peer.

Als sie auf Hugo trifft, sollte sich fortan alles für sie ändern. Doch eigentlich tauscht sie mit ihrem – von nun an – Ex nur die Positionen. Plötzlich ist sie diejenige, die liebt, ohne wirklich wahrhaftig zurückgeliebt zu werden. Plötzlich ist sie diejenige, die auf den „Freundinnenchor“ nicht hören will und die immun gegen jede Form von Ratschlägen wird. Sie leidet wie ein verwundetes Tier auf der Jagd, sich hilflos schleppend von Wasserstelle zu Wasserstelle, die sich speisen aus willkürlich dahergesagten Phrasen des Angebeteten Hugo R.
Er hält sie hin. Sie lässt sich hinhalten.
Ihr Kopf weiß es zu jeder Zeit, doch ihr Herz kann es nicht akzeptieren. Ihr analytischer Verstand versagt zugunsten der Gefühle, die in dieser Form nicht erwidert werden.

Ester nervt mich. Ja, absolut. Und nein, wir werden keine besten Freundinnen. Warum? Vielleicht erinnert sie mich zu sehr an mich vor vielen Jahren. Und wer möchte schon einen Spiegel vorgehalten bekommen und darin sehen, was von außen betrachtet schon immer absurd war. Dieser Roman könnte auch ein Watzlawik sein – Anleitung zum Unglücklichsein am lebenden Objekt. Sender/in & Empfänger/in finden keine gemeinsame Form der Kommunikation, obgleich sie es über Monate versuchen. Der Leser/die Leserin kriecht durch Esters Gedankenlabyrinth und wird Teil ihrer Liebe, ihrer Obsession, ihrer Verzweiflung, ihrer Glücksmomente. Es ist ein schmaler Grat nur zwischen ihr als der verschmähten Geliebten und der obsessiven Stalkerin…

Macht Liebe blind?
Liebe hat Macht.
Macht ist zerstörerisch.

„Aber die Verliebtheit ist total, sogar totalitär. Sie umfasst alles…“ S.31

„Die Liebe braucht Wörter… Auf Dauer gibt es keine Liebe ohne Worte und keine Liebe mit nur Worten.“ S.83

„Das Glück liegt selten im Erleben des Glücks. Es wohnt in der Erwartung des Glücks…“ S.138

Vier Sterne. Warum nicht fünf? Das Thema ist schwere Kost und die Umsetzung in dem vorliegenden Roman fast schon psychoanalytischer Natur. Ein Werk, das die Augen öffnet, doch mir das Herz schwer machte, wenn man – wie ich zumeist – mit dem Herzen sieht.

ACHTUNG SPOILER: Mir war vollkommen klar, dass mich kein leicht beschwingter Roman erwarten würde. Des Ausgangs der Geschichte selbst war ich mir stets bewußt, auch wenn ich es bis zuletzt nicht wahrhaben wollte und genau das ist mein Fazit. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.
Was hätte es gebraucht, um auch den fünften Stern von mir zu bekommen?
Ein anderes Timing vielleicht. Mehr Nähe zu Esters Lebensalltag vielleicht. Mehr Wärme vielleicht. Mehr Herz? Doch dann wäre diese Geschichte eine andere ;)

Vielen Dank an den btb Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

UPDATE: Ich erhöhe auf fünf Sterne, da mich das Buch einfach nachhaltig bewegt und eine Art therapeutischen Charakter für mich besitzt. Merci.

Von mir

5/5

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