Gold & Seide

Blaubart
Amélie Nothomb
  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
  • Verlag: Diogenes
  • Sprache: Deutsch
  • Originaltitel: „Barbe bleue“
  • Aus dem Französischen von Brigitte Große

Das Märchen vom Frauenmörder Blaubart, neu interpretiert: Die junge Saturnine bezieht ein Zimmer im Pariser Stadtpalais des Adeligen Don Elemirio.
Wird sie seinem Charme ebenso erliegen wie ihre acht Vorgängerinnen, die allesamt spurlos verschwunden sind? Was wird siegen: Gefühl oder Verstand?

 

MEINE REZENSION

Vor dem Hintergrund, dass Frankreich in diesem Jahr Messeschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein wird – wurde ich bei Diogenes auf Amélie Nothomb aufmerksam.

Ursprünglich stammt das Märchen von Charles Perrault. Diese Adaption von Amélie Nothomb ist von besonderer Art. Skurril, bitterböse, bisweilen dekadent und unglaublich intensiv.

Die Belgierin Saturnine Puissant bezieht ein Zimmer – besser ein Gemach – bei Don Elemirio Nibal y Milcar, einem adligen Spanier der alten Schule – einem Grande.

Saturnine -> saturation (frz.) = Überdruss oder saturnales = Ausschweifungen
Puissant -> (frz.) kräftig, stark, mächtig, kraftvoll

Der Name der jungen Frau scheint Programm. Sie ist die neunte Frau, die sich als Untermieterin im noblen siebten Arrondissement bewirbt, für nur 500 Euro im Monat inkl. Hausdiener und Bentley-Chauffeur. Bisher schlief sie auf einer Couch einer Freundin…

Einmal auf dem Bett in ihrer neuen Herberge gelegen, weiß sie intuitiv, dass sie niemals wieder ohne diesen Luxus sein möchte. Ein kleines Läuten und schon bekommt sie Frühstück ans Bett, Tee und Gebäck für sich und ihre Freundin. Und des abends beliebt der Hausherr (á la Belle und Biest), Saturnine zum Diner zu bitten. Der Don kocht vorzüglich selbst und mit Hingabe Eier in allen Variationen. Dieser schräg anmutende, als Frauenmörder vor-verurteilte, selbstverliebte Narzisst hat seit 20 Jahren das Haus nicht mehr verlassen. Er ist weder schön noch unterhaltsam, redet permanent von sich oder seinem Glauben zu Gott, beschäftigt sich höchst intensiv mit der Inquisition und: er liebt Saturnine vom ersten Moment?!
Sie hingegen unterrichtet tagsüber Studenten an der Ècole du Louvre und bietet des Abends dem Grande verbal die Stirn. Sie meint, sie wüßte sie um die Gefahr, in der sie schwebt, doch ist sie sich dessen wirklich dauerhaft bewußt oder bröckelt die Fassade? Sie will zunächst nichts hören über ihre Vorgängerinnen. Doch all das sollte sich bald ändern…

Wird auch Saturnine dem Charme, dem Geld, der Macht, der Manipulation des Elemirio Nibal y Milcar verfallen und sich in ihn verlieben? Wird sie als neunte Untermieterin ebenfalls spurlos verschwinden?

Ich hatte keinerlei Bild der beiden vor Augen. Doch das war kein Manko, denn ich spürte die Spannung in den Gesprächen während der abendlichen Diners oder in den Zwiegesprächen der jungen Frau. Champagner fließt nahezu täglich in Strömen aus flüssigem Gold, allein weil Saturnine es so will. Fast dominahafte Züge zeigen sich in ihrem Verhalten dem Don gegenüber. Und er scheint es zu genießen.
Ist er mit der neunten Untermieterin etwa endlich auf eine ihm ebenbürtige Gegnerin gestoßen?
Wird sie das Geheimnis der verschlossenen, verbotenen schwarzen Kammer und der verschwundenen Frauen lüften oder sich ebenfalls in Luft auflösen?

Wie die Protagonisten und die Dienerschaft des Hauses, so bleibt auch Paris als Ort des Geschehens blass und zurückhaltend. Ja, offenbar bleibt alles farblos und soll durchgängig nur die Kulisse der grotesken Szenerie bilden, bis auf die Obsession des Dons für Farben und Frauen … seine Neunte ist Saturnine – die Goldene.

Dieses Buch ist ein kleiner Roman und weder Thriller, noch Krimi, dennoch spannend bis zum letzten Satz. Die Sprache Madame Nothomb’s ist voller Witz, Sarkasmus und von einer eigenartiger, einnehmenden Dynamik.

„Der verzögerte Blitzschlag ist die gigantischste Herausforderung an den Verstand.“ S.81

„Ein Entzücken von herzzerreißender Zartheit befiel sie.“ S.81

„… ein betörendes Gleichgewicht zwischen Handwerkskunst und Gefühl…“ S.82

„Das Recht auf das Geheimnis ist unantastbar.“ S.112

„Das zu beantworten wäre eine Beleidigung Ihrer Intelligenz.“ S. 124

Über das Cover lässt sich nicht viel berichten – typisch Diogenes in blass-hell-beige mit der typischen Diogenes-Schriftsetzung. Darüber die Beine einer Frau in leicht aufreizender Pose auf orangem Grund.

Kurzum 5 von 5 Sternen und Danke für eine berührende, spitzzüngige Adaption dieser alten Geschichte.

Von mir

5/5

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