Frischedoktor & Täubchen

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„romeo & Romy“
  • Broschiert: 491 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag
  • Erschienen am 11. 04.16
  • ISBN-10: 3458361413

Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur die Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als »Frischedoktor« in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.
Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten.
Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammeligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo und Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der »Frischedoktor« soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt …

MEINE REZENSION

Romy, das Täubchen, der Liebling aller Alten aus Großzerlitsch, will eine Julia Capulet sein und ist doch immer nur die mitfiebernde Souffleuse und erfüllt nebenbei alle typischen, naiven Frauenbild-Klischees. Ben, der „Frischdoktor“ und Weichspüler-Mann, ist eher ein Macho und will Romeo Montague zum Leben erwecken. Mit von der unlustigen, gähnend langweiligen Partie sind u.a. die alten Damen und Herren, Karl & Bella, Anton & Inge, Emil aus dem hellblauen Spaßmobil, Bertram mit der rutschenden Brille, Hilde & Bertha – seit vierzig Jahren im Klinsch liegend, Elisabeth samt undankbarem Sohn, Theo, der cholerische Wirt und Artjom (merkwürdiger Name – nun ja).

Romy scheitert als Schauspielerin und kehrt zurück in das Dorf ihrer Kindheit, um dort ein elisabethanisches Theater aus ihrer Scheune zu bauen. Ben führt Regie für eine Inszenierung von Shakespeare’s Romeo & Julia auf Sächsisch mit den noch in Großzerlitzsch lebenden o.a. Alten. Auf den 419 Seiten des Romans sterben Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen, versöhnen sich Zerstrittene, wird DDR-Geschichte aufgearbeitet, tauchen verloren geglaubte und vergessene Menschen auf und verschwinden wieder…

Ganz ehrlich? Es gibt fast nichts, was nicht Teil der Handlung wäre – Flucht, Verrat, Tod, Alter, Krankheit, Liebe… Natürlich ist es toll mitzuerleben, wie ein Dorf, deren Bewohner sich um die beiden letzten Gräber zanken, wieder zum Leben erwacht.

Dennoch ist die Handlung des Romans an Trivialität kaum zu überbieten und konnte mich an keiner Stelle „rocken“. Im Gegenteil, ich habe mich über das vom Autor gezeichnete Frauenbild zunächst gewundert, dann geärgert und schließlich echauffiert. Trotz redlicher Bemühungen, dem Buch etwas abzugewinnen, eine Message mitzunehmen. Zugleich – vergebens. Ich fühlte mich leider nicht einmal gut unterhalten. Aber, wir waren drei Leserinnen in einer Mini-Leserunde. Aufgeben war keine Option. Die Hoffnung stirbt zuletzt – es könnte ja noch was werden mit der Story…

Ich habe lange überlegt, ob der Autor Romy bewußt ironisch, ja sogar sarkastisch überzeichnet hat oder ob er wirklich meint, was er schreibt. Ben’s chauvinistischen Traum ab Seite 207 ff möchte ich hier gar nicht nicht wiedergeben. Zu Gunsten des Schriftstellers sollte ich wohl von Sarkasmus ausgehen, denn andernfalls sehe ich mich leider gezwungen, die Alice Schwarzer in mir heraufzubeschwören und ab sofort die Emma zu abonnieren…

Grund dafür sind Zitate aus der Feder eines Mannes (!) wie:

„Um ein Haar wäre sie vorzeitig gestorben! Unter einem VW Polo. Und das in diesem Kleid!“ S.4

„…dass ich drei Kilo zugenommen habe… Hab ich Schokolade gegessen. Und Eis!“ S.54

„Iff bin ein Feldhamfter!“ „Sprich nicht ins Kissen, Täubchen“ S.54

„Das Licht so gnadenlos wie in der Umkleide einer H&M-Filiale.“ S.78

„Ben legte seine Hand auf Romys Po. Sie hätte ihm gerne eine geknallt, aber das traute sie sich dann doch nicht: zu viele Zeugen.“ S.205

„Romy, das Luder! Und dann auch noch die Tugendhafte gespielt.“ S.215

„Romy war gerührt und empört in einem: Er hatte an ihren Geburtstag gedacht! Wie süß!“ S.246

„Romy nickte: keine schlechte Idee. Wer hätte das gedacht?“ S.265

Und  by the way „… diese Idylle machte einen fertig“ (S.56), so wie mich dieser Roman. Seitenfüllende Beschreibungen von Bellas aufgepeppten Möbel, die Aufzählung aller für den Umbau der Scheune benötigten Baumaterialien, die detaillierte Darstellung des Baufortschritts oder der sächsischen Umgebung stehen im starken Kontrast zu wie immer ganz wunderbaren Shakespeare-Zitaten, die jedoch für mich das Stück nicht zu retten vermochten. Gespielt wird eine Tragödie, das Buch war für mich eine – wie schade.

Tut mir leid, Herr Izquierdo, doch mich konnte ihr Roman, ganz im Gegensatz zu den vielen positiven zu lesenden Meinungen, nicht überzeugen. Doch da in jedem Roman unglaublich viel Arbeit und Herzblut steckt, kann ich nicht umhin, diesem Buch wenigstens 2 von 5 Sternen zu geben.

Von mir

2/5

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