Diogenes lädt zur Lesung

Montagabend und damit der wohl nicht gerade einfachste Tag der Woche wurde gestern, am 04. Juni 2018, durch eine Lesung eines meiner Lieblingsverlage, dem Diogenes Verlags, geadelt. Wie gut nur, wenn Mann und Frau sich gegenseitig motivieren, den ungeliebten Wochenbeginn und dessen unweigerlichen, erschöpften Abend nicht etwa auf der Couch zu verbringen, sondern sich tatsächlich gegen 19 Uhr mutig in eine S-Bahn werfen und durch einen lauen Berliner Frühsommerabend gen Mitte zu streben. Um genau zu sein, zog es uns in die Saarbrücker Str. 36. Um noch genauer zu sein, in die dortige Clinker-Lounge der Backfabrik.Clinker-Lounge der Backfabrik, Berlin

Hier sollte, um nun ganz genau zu sein, um 20 Uhr eine Lesung mit zwei Neu-Entdeckungen des Diogenes  Verlages stattfinden. Anne Reinecke und Mick Herron sollten aus ihren aktuellen Werken „Leinsee“ und „Slow Horses“ lesen und sich nacheinander mit dem Verleger Philipp Keel höchstpersönlich den Fragen der Journalistin / Moderatorin Shelly Kupferberg stellen. Mit am Start ist wieder einmal mein Diogenes Notes Large – love it!

Anne Reinecke

Anne Reinecke – Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag

Mick Herron

Mick Herron – Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag

Es ist kurz vor 20 Uhr. Wir werden warmherzig und zauberhaft im Hof der Backfabrik, direkt vor der Clinker-Lounge, empfangen. Die Namensklebchen sind perfekt vorbereitet und Getränke aller Art werden kredenzt. Ein Rundumsorglospaket am Abend also. Die Eingeladenen mischen sich fröhlich an den Steh-Tischen, Zunge und Atmosphäre sind gelockert – das Wetter tut sein übriges und trägt zum Gelingen der Veranstaltung bei – kein Wölkchen trübt den Himmel über der Hauptstadt.

Philipp Keel

Philipp Keel – Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Im Keller der Clinker-Lounge, in dem zu DDR-Zeiten das berühmte Moskauer Eis produziert wurde, ist ein kleiner Saal – wohl temperiert und mit ca. 100 Stühlen bestückt. Im Hintergrund läuft chillige Lounge-Musik, passende zum Namen der Location.

20:30 Uhr, es geht los. Ein charmanter Herr mit stylischer Brille, legère in Hemd und Jeans – der Verleger Philipp Keel persönlich – begrüßt die Gäste, die beiden Autoren sowie auch die anwesenden MitarbeiterInnen des Diogenes Verlags, unter ihnen sind u. a. die Pressechefin Ruth Geiger und  auch Ruth Schildknecht vom Vertrieb.

Schnell übergibt Herr Keel das Wort weiter an die bekannte Moderatorin & Journalistin Shelly Kupferberg, die u. a. auch im Kulturradio des rbb zu hören ist.

Shelly Kupferberg

Shelly Kupferberg

Im Interview mit Philipp Keel erfährt das Publikum, dass sein Vater den Verlag mit Sitz in Zürich 1952 gründete und er 60 Jahre später dessen Leitung übernahm. Mit einer gesunden Mischung aus Bauchgefühl, Kopf und Herz führe er den Verlag seit 6 Jahren. Anfangs fürchtete sich der junge Nachfolger vor allem davor, keine neuen Talente, keine neuen Autorinnen und Autoren für seinen Verlag entdecken zu können. Inzwischen besteht diese Furcht nicht mehr … zum Glück für die Neuen im Verlag. In der Regel sagt der Chef zumeist ganz deutlich und zu fast allem erst einmal „Nein“. Wenn sich dann jemand aus dem Team so richtig – und mit richtig meint er mit vollem Einsatz – für ein Manuskript ins Zeug legt, lässt er sich durchaus gern vom Potential eines Skriptes überzeugen. Eine Seite reiche ihm in der Regel, um ein Gefühl für ein Buch zu entwickeln. Ausserdem habe er ein sehr engen und überaus vertrauten Kreis erfahrender Lektoren, die die Einsendungen sichten.

Diogenes als größter unabhängiger Verlag – nicht nur – Europas, möchte sich seine Unabhängigkeit auch weiterhin bewahren und das ist weder einfach noch günstig. Dennoch, trotz all der vorhergesagten Krisen der Buchbranche, behauptet sich Diogenes auf dem Markt ohne Banken oder Investoren im Hintergrund. Unabhängigkeit bedeute für Keel eben auch, den Dingen treu zu bleiben, die den Verlag ausmachen und nicht etwa die Dinge bedienen, die möglicherweise lukrativer sind.

Sanft leitet Shelly Kupferberg über zur ersten Autorin des Abends und bittet Anne Reinecke auf die Bühne in ihre Mitte. „Leinsee“ ist das Debüt der in Berlin mit Mann und Kind lebenden Frau, die Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert und für verschiedene Theater-, Film- und Ausstellungsprojekte sowie als Stadtführerin gearbeitet hat. Eine Lektorin empfahl dem Verleger eindringlich die Lektüre des Romans und er war sofort davon eingenommen, fühlte sich verbunden mit der Geschichte um den Künstler Karl und dessen Eltern.

Shelly Kupferberg im Gespräch mit Anne Reinecke und Philipp Keel

Shelly Kupferberg im Gespräch mit Anne Reinecke und Diogenes-Verleger Philipp Keel

Karl und Tanja sind die Hauptprotagonisten des Romans und waren von Beginn an in Annes Kopf. Für sie sei es in erster Linie eine Liebesgeschichte. Doch ob sich die Beiden am Ende tatsächlich bekämen, überließ sie dem Lauf des Schreibens und der Entwicklung der Charaktere. Auf die Frage der Moderatorin, wie sich Annes Leben durch den Roman verändert habe, antwortet die sympathische Frau mit verschmitztem Lächeln: „Nun sagen andere, ich sei eine Autorin und nicht nur ich selbst über mich.“.

Nach einer Passage, die Frau Reinecke mit sanfter, angenehmer Stimme vorträgt, verlässt sie unter Applaus das Podium und nun ist Mister Mick Herron an der Reihe, der in Oxford Englische Literatur studierte und in der Welt der Bücher längst kein Unbekannter mehr ist. Er hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht. Nun ist er mit dem ersten Buch einer Geheimdienst-Serie bei Diogenes unter Vertrag. „Slow Horses“ – lahme Pferde – steht für ausgemusterte Agenten, die in einem slow House, einem Drecksloch, absurde Aufgaben erledigen müssen, da sie in ihren eigenen Reihen in Ungnade gefallen sind. River ist einer von ihnen und zugleich der Hauptdarsteller des Romans. Warum, so fragt Shelly Kupferberg, widmet sich der Autor den Gescheiterten? Die erstaunliche Antwort des Autors: weil Scheitern so viel spannender ist als Geschichten über Erfolge. Seine Charaktere seien mit Menschlichkeit und einer gehörigen Portion Humor ausgestattet. Auch Mick Herron liest eine Passage aus seinem Buch und der Saal lauscht gespannt seinem britischen Bariton. Für alle Gäste im Publikum, die des Englischen nicht perfekt mächtig sind, übersetzt die Moderatorin und liest selbst noch einen Auszug vor.

Shelly Kupferberg im Gespräch mit Mick Herron und Diogenes-Verleger Philipp Keel

Nach einer Stunde ist die Lesung und eine überaus unterhaltsame Vorstellung zweier Romane aus dem aktuellen Diogenes Verlagsprogramms schon zu Ende. Am Ausgang warten zuerst Ausgaben der Bücher auf die Gäste und vor der Tür dann die Autoren und VerlagsmitarbeiterInnen zum entspannten Gespräch bei Sekt und original Berliner Buletten. Wir verabschieden uns erst kurz vor Mitternacht.

Ich möchte mich beim Diogenes Verlag herzlich für die Einladung und den zauberhaften Abend bedanken. Großes Merci in die Schweiz.